Kantianisch übersteigert

** Von Martin Maurach, Opava **
Oskar Loerke lobte das etwas skurrile Schweizer Universalgenie Adrien Turel (1890-1957) immerhin einmal ins Programm von S. Fischer hinein. Dessen spätere Arbeiten, in denen er u.a. eine sogenannte Soziophysik entwickelte, erschienen allerdings oft im Selbstverlag. Um große Vergleiche (durch zarte Ironie gemildert) ist er bei seinen jugendlichen dichterischen Versuchen jedenfalls nicht verlegen:
»Auch Prosa entwarf ich, zum Beispiel eine Novelle, genannt ›Die Stufenhymne‹. Es war der Werde-Wanderweg eines Volkes, welches als Clan, schwer und dumpf, in einem tiefen Tal beginnt, gleichsam ganz unten im grossen Canyon. Aber die Leute wollen zum Licht, und wie der Stamm sich vermehrt und entwickelt, steigen sie im Canyon flussaufwärts, den Quellen und den Höhen zu. Sehr interessant war der Schluss, wie dieses Volk nämlich am Ende oben im Plateau ausmündet: sie stehen vor einem steilen Absturz von vielen tausend Metern und können einfach nicht weiter. Mir selbst ging es ebenso, und so brach die ganze Geschichte ab, wie auch Kleist mit seinem Robert Guiscard nicht zu Ende gekommen ist.«
In herrlicher politischer Unkorrektheit wagt Turel – nach eigenen Angaben Dichter, Revolutionär, Psychoanalytiker usw. – dann in den ach so zurückgebliebenen 1950er Jahren doch tatsächlich von einer »biologischen Komponente« zu reden:
»Für mich ist es selbstverständlich, dass jede dioskurische Freundschaft (auch wenn sie sich so elementar auswirkt wie das Verhältnis von Marx zu Engels) ausgesprochen erotisch grundiert ist, auch dann und dann erst recht, wenn sie ausweglos wird und eben deshalb in einem Zweikampf endet. In der ›Penthesilea‹ hat Heinrich v. Kleist diese Problematik, auch zwischen Mann und Frau, in der ihm eigentümlichen, kantianisch übersteigerten Weise entwickelt. Entscheidend ist nur, ob die homosexuelle Komponente (die biologische Komponente) in der Männerfreundschaft und in der Frauenfreundschaft unterirdisch-potentiell bleibt oder ob sie vom Mittel zum Zweck wird.«
Von Marx und Engels auf Achill und Penthesilea im nächsten Satz muß man immerhin erst einmal kommen. Festzustehen scheint wenigstens, daß am Schluß von Kleists Drama doch recht vieles ausgelebt wird und nicht allzu viel »unterirdisch-potentiell« bleibt…
(Quelle: Adrien Turel: Bilanz eines erfolglosen Lebens. Autobiographie. [1956]. Zürich: Edition Moderne / Hamburg: Edition Nautilus 1989, S. 31, 166)

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