Kleine Möwe, flieg zum Maulbeerbaum

Dublin am 16. Juni 1904, kurz nach 17 Uhr. Im Pub von Barney Kiernan machen die Zecher sich um den Baumbestand Irlands heftige Sorgen: »— As treeless as Portugal we’ll be soon, says John Wyse, or Heligoland with its one tree if something is not done to reafforest the land.« (Ulysses XII; Goyert: »… Helgoland mit seinem einen Baum …«; Wollschläger: »… Helgoland mit seinem einen Strunk …«). Der grünen Insel, befürchtet man, drohe das gleiche Schicksal wie Helgoland, »dieser öden, nackten, von der Natur gänzlich vernachläßigten Felsscholle, in Mitten des Meers« (Geographische Nachricht von der Insel Helgoland, in: Berliner Abendblätter, 4. Dezember 1810).
Mit dem besagten Baumsolitär hat es seine eigene Bewandtnis. Er ist eine Berühmtheit – das wissen alle Besucher des roten Felsens – und dürfte auch dem Kleist-Leser aus mindestens zwei Gründen bekannt sein. Zum einen, weil er in der daß-Satz-Litanei der Geographischen Nachricht eigens erwähnt wird: »[…] daß innerhalb des hohen, vor Stürmen einigermaßen gesicherten, Hofes des Predigerhauses der einzige Baum befindlich ist (ein Maulbeerbaum)«, und zum anderen, weil das Wort »Maulbeerbaum« in Kleists Schriften nur hier vorkommt.
Der Baum – jahreszeitlich in vollem Blätterschmuck oder kahl – scheint unverwüstlich:
»Größte Sehenswürdigkeit ist ein alter Maulbeerbaum. Der wird tatsächlich ›Wunder von Helgoland‹ genannt, weil er als einziger Baum den Granatenhagel im und nach dem Zweiten Weltkrieg überstand, als die Briten tonnenweise Bomben auf die Insel warfen. Obwohl fast zerstört, bekam der rund 150 Jahre alte Stumpf wieder frische Triebe. Er stand früher im alten Pastorat und beschirmte Liebespaare, die ohne Aufgebot und Formalitäten schnell heiraten wollten. Damals war Helgoland auch als ›Liebesinsel‹ bekannt.« http://www.welt.de/print-welt/article168174/Ein-Hoch-auf-Helgoland.html

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