Kleist-Buch gesucht

** Von Burkhard Wolter, Winsen (Luhe) **
Durch die Kleist-Ausstellung Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden ist den Kleistfreunden das Züricher Museum Strauhof (www.strauhof.ch) ein Begriff. Nun konnte man am 20. September 2012 in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ eine sehr umfassende Besprechung der derzeit (19.9. – 25.11.2012) laufenden Ausstellung mit dem Thema: Bücherhimmel – Bücherhöllen, Lesen & Sammeln zwischen Lust & Wahn lesen. Da ich ohnehin in der Gegend zu tun hatte, habe ich eine kleine Reise nach Zürich gemacht, um mir die Ausstellung anzuschauen. Mit der Eintrittskarte bekommt man auch ein 40-seitiges Heft, das die wichtigsten Informationen zur Ausstellung liefert; wer sich weiter informieren will, kann an der Kasse ein 200-seitiges Buch kaufen: Lieber barfuss als ohne Buch. Almanach der Bibliomanie (Hrsg. von Beat Mazenauer und Gina Bucher), und wer sofort Auskünfte braucht, kann einen in der Ausstellung anwesenden Archivverwalter konsultieren.

Das Thema ist facettenreich aufbereitet, vieles ist einem Bücherfreund schon bekannt, aber wer sich lesend durch die Räume bewegt, kann noch Entdeckungen machen. So gibt es am Arbeitsplatz des Archivverwalters einen guten alten Zettelkasten, in dem auf Karteikarten Annotationen sowie bibliographische Angaben zum Thema zu finden sind. Leider reichte meine Zeit nicht, um das Material komplett auszuwerten, aber eine Stichprobe ergab, daß dort wohl auch Titel verzeichnet sind, die man im Almanach nicht findet. Zudem kann man sich Filmmaterial und künstlerische Objekte anschauen, wer keine Berührungsängste hat, kommt voll auf seine Kosten. Wem das alles zu positiv klingt, dem sei gesagt, bei jeder Ausstellung muß aus der Fülle des Materials ausgewählt werden; es hat mich doch etwas irritiert, nichts von Arno Schmidt und Georg Christoph Lichtenberg (»Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?«) zu finden, vielleicht habe ich auch nur nicht gründlich genug geschaut.

P.S. In der Cafeteria des Museums steht ein kleines Bücherregal mit Neuerscheinungen zum Ausstellungsthema. Da ich noch nicht alle der dort ausgelegten Bücher kannte, fing ich an, ein wenig quer zu lesen. Dabei fand ich in dem Buch von Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten. Bekenntnisse eines Bibliomanen auf den Seiten 30–31 folgenden Text:
»Aber auch ich bewahre ein merkwürdiges Exponat in meiner Sammlung auf, dessen Geheimnis ich sicher eines Tages lösen werde. Es handelt sich um Sagesse et Chimères von René Bertrand, Vorwort von Jean Cocteau, erschienen 1953 im Verlag Grasset, doch seltsamerweise mit einem klassisch weißen Einband, wie ihn nur die Bücher des Verlags Gallimard besitzen, und der darüber hinaus noch ein völlig anderes Werk ankündigt: Kleist ou la fascination de la mort (dt. ›Kleist oder die Faszination des Todes‹) von einem gewissen Jean-Martin Pradès. Natürlich könnte dies ein Irrtum des Buchbinders sein. Möglicherweise hat er die Einbände verwechselt, was allerdings bei zwei verschiedenen Verlagshäusern schon ein wenig merkwürdig anmutet. Doch zwei kleine Details machen die Sache noch rätselhafter: Der obligatorische Druckvermerk nämlich nennt einen anderen Drucker (»Die vorliegende Ausgabe der ersten Auflage wurde am 2. November 1953 von der Druckerei Floch in Mayenne für das Verlagshaus Bernard Grasset in Paris gedruckt«) als der Einband (»Druckerei Didot et Cie., Paris XI-Roq 08-60«). Darüber hinaus fehlt im Katalog von Gallimard jeder Hinweis auf ein Buch über Kleist von einem Autor namens Jean-Marie Pradès, und nicht nur dort. In keinem anderen Verlagshaus, in keiner Kleist-Bibliographie und nicht einmal im Katalog der Bibliothèque Nationale de France, in dem sämtliche in Frankreich erschienenen Bücher für gewöhnlich erfaßt werden, taucht solch ein Buch auf. Nirgendwo auch nur die geringste Spur eines Jean-Marie Pradès. Wie also kommt ein nicht existierendes Grasset-Buch eines vollkommen unbekannten Autors zu seinem Gallimard-Gewand? Wie konnte solch ein unwahrscheinliches Buch entstehen?«

Dichtung oder Wahrheit? Bonnets Buch erschien 2008 in Paris, die deutsche Ausgabe erschien 2009 beim Droemer Verlag, erste Recherchen im Internet waren erfolglos.

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Ein Kommentar zu Kleist-Buch gesucht

  1. Suchender sagt:

    Vid. p. 18. – Bringt zwar auch keine Klärung, dokumentiert aber immerhin den Eifer des Bibliographen.

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