»Kleist in Aspern«*)

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
Allein auf französischer Seite sollen in der Schlacht von Aspern und Essling 24.300 Kanonenkugeln und 1.600.000 Gewehrkugeln verschossen worden sein. Überbleibsel dieses »mörderischen Eisenregens« (Kleist) kommen selbst 205 Jahre später hier und da noch immer zum Vorschein (und können im Sondermuseum Aspern Essling 1809 besichtigt werden).
Aber auch der Brief, den Friedrich Christoph Dahlmann am 25. Mai 1809 auf dem Schlachtfeld im Beisein Kleists »einem toten Franzosen aus der Tasche zog«, existiert noch. Er befindet sich in Mappe 48 des Dahlmann-Nachlasses in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. In dem dreiblättrigen Schreiben vom 16. Mai 1809 berichtet ein junger französischer Grenadier seinen Eltern von den Strapazen des Feldzugs (vgl. Wilhelm Bleek: Friedrich Christoph Dahlmann. Eine Biografie. München: C.H. Beck 2010, S. 400, Anm. 50).
Dieses authentische Zeugnis eines Massenschicksals aus dem Kriegsjahr 1809, das dem Stereotyp vom »Franzmann« und Kleists franzosenfresserischer »Kadaverphantasie« (Jean Améry) gegenübergestellt hätte werden können – »Dämmt den Rhein mit ihren Leichen« etc. –, blieb im Katalog zur großen »Doppelausstellung im Kleist-Jahr 2011« unberücksichtigt. Der »wissenschaftliche Kurator« der Schau, Prof. Dr. Günter Blamberger, zeigte stattdessen modischen Schnickschnack, nämlich zwei »Screenshots aus dem Computerspiel Napoleon Total War« von 2010.

*) Titel einer Geschichte (Untertitel Unerklärliche Haßgefühle, dichterische Fernfühlung) in Alexander Kluges Buch Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003, S. 553f.

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