Kleist & Kluge

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
Auch in seiner jüngsten Veröffentlichung Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe. 402 Geschichten (Berlin 2012) kommt der Autor und Filmemacher Alexander Kluge auf Kleist zurück. Von den fünf thematisch zusammenhängenden Texten, darunter Kleist und seine Schwester und Kleists Lebensplan, sei hier nur der längste und reizvollste hervorgehoben, Begegnung auf der Flucht (S. 135f.), in dem ein – selbstredend erfundenes – Zufallstreffen zwischen Kleist und Caroline Louise Granier, der Ururgroßmutter Kluges, 1793 im Südharz geschildert wird. Der französischen Emigrantin passiert mit ihrer Kutsche ein Malheur, was der »erzählerisch gestimmte Jungoffizier« zum Anlaß nimmt, nichts weniger als eine kühne »Theorie der Radnabe« zu extemporieren.

Meine Lieblingsstelle zu Kleist im umfangreichen literarischen Werk Alexander Kluges findet sich in der Rede zur Verleihung des Kleist-Preises 1985, abgedruckt in: A. K.: Fontane – Kleist – Deutschland – Büchner. Zur Grammatik der Zeit. Berlin 2004, S. 21-41. Darin erinnert er an Kleists Gelegenheitsbesuch in Halberstadt (wo Kluge 1932 zur Welt kam), beschrieben im Brief vom 3. Juni 1801 an Wilhelmine von Zenge:

»In Halberstadt besuchten wir Gleim, den bekannten Dichter, einen der rührendsten und interessantesten Greise, die ich kenne. An ihn waren wir zwar durch nichts adressiert, als durch unsern Namen; aber es gibt keine bessere Adresse als diesen. Er war nämlich einst ein vertrauter Freund Ewald Kleists, der bei Frankfurt fiel. Kurz vor seinem Tode hatte dieser ihm noch einen Neffen Kleist empfohlen, für den jedoch Gleim niemals hatte etwas tun können, weil er ihn niemals sah. Nun glaubte er, als ich mich melden ließ, ich sei es, und die Freude mit der er uns entgegen kam war unbeschreiblich. Doch ließ er es uns nicht empfinden, als er sich getäuscht, denn alles, was Kleist heißt, ist ihm teuer. Er führte uns in sein Kabinett, geschmückt mit Gemälden seiner Freunde. Da ist keiner, sagte er, der nicht ein schönes Werk schrieb, oder eine große Tat beging. Kleist tat beides und Kleist steht oben an – Wehmütig nannte er uns die Namen der vorangegangnen Freunde, trauernd, daß er noch zurück sei. Aber er ist 83 Jahr, und so die Reihe wohl auch bald an ihn.« http://www.kleist.org/briefe/046.htm

Alexander Kluge 1985: »Hier nun im Gleim-Haus haben wir Orte, die der Fuß des Heinrich von Kleist betreten hat.« Am Schluß seiner Rede imaginiert er die von den Reinigungskräften eines angeblichen »VEB Putz- und Pflegediensts […] überwachste Fußspur« des Dichters auf dem Parkettboden, die man »nicht sehen kann«.

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