Kleist-Reduktionen (1): »Schauermann trägt das Fräulein in die Hütte«

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Ferienzeit und aufkommender Schlußverkauf: Was liegt da näher, als auch Kleist reduziert anzubieten. Heute: Gerhard Rühms Käthchen von Heilbronn – sprachlos, in dem alle Figurenreden weggelassen sind (Gerhard Rühm: gesammelte werke. Band 5: theaterstücke). Kleist als Dichter der »emphatischen Unaussprechlichkeit« (Dieter Heimböckel) wird von einem konzeptdramatischen Ansatz aus beim Wort genommen und quasi episiert. Rühm unterscheidet rein formal zwischen Figurenrede und Nebentext, ignoriert daher indirekte Bühnenanweisungen und muß andererseits so manches nur in den Repliken Erwähnte ergänzen: »Kunigunde zerreißt mit Affekt die Papiere und läßt sie fallen.« Nur den Nebentext zu bringen, bedeutet also paradoxerweise: Der Nebentext muß länger werden als im Original. Damit manipuliert Rühm zwar den für Kleist wesentlichen Grenzbereich zwischen Verbalem und Nonverbalem; er bleibt jedoch zugleich von historischen Bühnenkonventionen abhängig und schreibt am für die romantische Poetik so wichtigen Unterschied zwischen natürlichen und konventionellen Zeichen eher vorbei.

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