Kohlhaasisches. Ein Nachschlag

** Von Wolfgang Barthel, Berlin **
Natürlich kann man Kleists Kohlhaas als Prototyp des privaten Rächers »aus kleinbürgerlichen Besitzgründen« sehen, der »eben rot« sieht, wie jüngst in einem Blogtext nahegelegt. Es ist ja auch Mode geworden, ihn als Terroristen zu interpretieren: anfangs zwar gerecht, aber im Vertrauen darauf, daß ihm seine Obrigkeit schon Gerechtigkeit widerfahren lassen werde, eher ein Trottel, nicht ohne eine gewisse Paranoia, der infolge seines fanatischen und anmaßenden Selbsthelfertums zum Räuber und Mörder wird. Meinungen, zu denen man sich verhalten kann, und manches bei Kleist scheint sie zu stützen. Der kurze Überblickstext zu Kleists Erzählung im Katalogteil des schwergewichtigen Begleitbuches zur großen Berliner Kleist-Ausstellung im Jubiläumsjahr 2011 deutet das Werk, blendend formuliert, etwa in diesem Sinne. Herangezogen werden außerdem Heiner Müller, Feuchtwanger, Brecht, Schlöndorff und Böll sowie die »Dissidenten im Osten … wie im Westen« Deutschlands »nach 1945«, um zu zeigen, daß Kohlhaas, die Figur, »legendär« wurde und »Nachfolger« fand, und zwar »im guten wie im schlechten Sinne«. Da Schreiber nicht erläutert, was für ihn gut, was schlecht ist, wird beides von Kleists Wirkung her suggeriert: hie Terrorist, da »Systemsprenger«.

Michael Kohlhaas, die Geschichte, wurde große Weltliteratur wie kein zweites Werk Kleists. Wie bringt man das zusammen? Ist es unvermeidbar geworden, gerade diese Erzählung von ihrer jeweils zeitgebundenen deutschen Wirkungsgeschichte her zu begreifen, zumal in prominenten Katalogtexten? Ich möchte es wirklich wissen. Tut man gut daran zu unterstellen, es handele sich bei Kleists Text um ein Stück Gegenwartsliteratur und man könne ihn erfassen, indem man einige Seiten seines Titelhelden und seiner Taten hervorhebt?

Die Erzählung ist auch Sprache, auch Struktur, auch Entfaltung, und sie ist Wechselspiel nicht zuletzt von Macht und Recht. »It is not desirable to cultivate a respect for Law«, schrieb einst Henry David Thoreau, der große Amerikaner, in seinem Civil Disobedience. »Law never made men a whit more just«. Schon recht, zu Kohlhaasens Zeit gab es keinen verbindlichen Gesetzeskanon. Zur Kleistzeit schon. Die Anklage des Roßhändlers lautete auf Landfriedensbruch. Kohlhaas sieht das ein und wird enthauptet. Seine Nachkommen indessen werden ritterlich belohnt. Läßt sich das zusammenbringen? Offenbart es nicht eher ein schlechtes Gewissen der Richtenden? Zum Glück sind große Werke der Literatur vielschichtiger, als ihre Deutungen es je sein können. Deuten wir doch weniger, lesen wir mehr.

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4 Kommentare zu Kohlhaasisches. Ein Nachschlag

  1. Martin Maurach sagt:

    Die Frage verlangte – und verdiente – eine ausführlichere Auseinandersetzung. Nur so viel vielleicht zum Debattieren und Denken: Wo ist der archimedische Punkt, von dem aus heute der „Michael Kohlhaas“ als ein Stück ‚Weltliteratur‘ in seiner Zeit verstanden werden könnte – wo, angesichts unaufhebbar unvollständiger Überlieferung der Hintergründe, angesichts des Wandels von Mentalität und Ökonomie seit 1810, wobei wir uns den ersteren nicht einmal vollständig, uns selbst über die Schulter schauend, beschreiben können? Verstehen – beharrt man darauf als einem Ziel – braucht Vergleichbares, bezieht also Bekanntes ein. Es kann den eigenen Zeitkontext und – scheinbar paradoxer Weise – auch die eigenen blinden Flecken nicht ausblenden.

    • Wolfgang Barthel sagt:

      Dass der Begriff „Weltliteratur“, trotz Goethe, ein schillernder ist, darf man annehmen. Jeder Übersetzer weiß das; dennoch trägt er mit seiner Arbeit dazu bei, Weltgeltung von Literatur möglich zu machen. Sollte Vf. der Replik der Meinung sein, mit meiner Feststellung, Kleists „Kohlhaas“-Erzählung sei eher Weltliteratur geworden als andere seiner Werke, stimme etwas nicht und das mache meinen Blog-Text problematisch, dann mag er aus seiner Sicht wohl Recht haben. Freilich, den „eigenen Zeitkontext“ (was genau ist das, z. B. beim Lesen?) nicht auszublenden, heißt für mich im Übrigen ebenso wenig, ihn in einen völlig anders gearteten Text hinein zu projizieren. Und ich bin äußerst mißtrauisch gegenüber „archimedischen Punkten“ – „heute“.

  2. Martin Maurach sagt:

    Wissenschaftlich gesehen, sind die unvermeidlicher Weise vom Zeitgeist beeinflussten Deutungen natürlich immer nur die zweitbeste Lösung. Der erstbesten galt die Frage nach dem archimedischen Punkt, und sie war eine rhetorische.- Beim Lesen ist bereits der Leser selber ein Stück vom Zeitkontext, den er an den Text heranträgt, bevor er das erste Wort entziffert hat. Vielleicht ‚projiziert‘ er ihn auch darauf, aber da halte ich die Übergänge für fließend.- Na, und wenn „Kohlhaas“ – unbestrittenerweise – Weltliteratur geworden ist –welch ein Pluralismus legitimer Lesarten geht mir dann allein wegen der Verschiedenheit von ‚Rechtskulturen‘ etc. auf?

    • Wolfgang Barthel sagt:

      Einverstanden. Bemühen wir keinen „archimedischen Punkt“. Bleibt: Das ‚Einbringen von Zeitkontext‘. Ich beharre auf der Frage: Was genau ist das? Daß ich jedes Stück Literatur als Genosse unsere Zeit lese, wie jeder, der las, es in seiner Zeit tat, ist eine Binsenweisheit. Schwierig ist es zu beschreiben, was in mir als einzelnem während es Lesens tatsächlich vorgeht. Ich weiß es nicht immer. Ich habe den „Kohlhaas“ (eigentlich ja zwei separate Fassungen) in meinem Leben öfter gelesen, auch lesen müssen, nicht hundert Mal wie der Schriftsteller Hermann Kesser, der Verfasser der „Peitsche“. Ich weiß nur, ich habe die Erzählung immer wieder anders empfunden, auch wohl, in Nuancen, anders aufgefaßt. Das hing auch von meiner Stimmung am Lesetag ab. Kesser wird es, vermutlich, nicht anders ergangen sein. Davon aber läßt sich nichts objektivieren. Wir können möglicherweise eine Wirkungsgeschichte von Literatur schreiben – und es ist immer die einzelner Werke -, insofern sie sich in faßbarem Material manifestiert, nicht aber eine Geschichte der Rezeption. Es fehlen uns die Aussagen von Myriaden von Lesern in Vergangenheit und Gegenwart. Meine Leseeinstellung beim „Kohlhaas“ ist simpel: Ich sehe mich einer Geschichte gegenüber, die vor zweihundert Jahren entstand und die in einer Zeit spielt, die noch einmal knapp dreihundert Jahre zurück liegt. Da muß ich mich hineinlesen, jedesmal. Ich lese, wer agiert, warum er agiert und vergesse selten Zusammenhänge. Die Figur des Kohlhaas ist für mich wichtig, aber sagt mir wenig ohne die Umstände zu berücksichtigen, in denen er agiert. Blitzartig mag dann beim Lesen hier und da etwas Zeitgenossenschaftliches aufleuchten. Die Ansicht, daß Kohlhaas letzten Endes ein Terrorist sei, ist mir dabei noch nie gekommen. Sollte es aber doch? Wegen ‚meines Zeitkontextes‘? Ich gebe auf.

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