Kühle Betrachtung heißer Ware

** Von Martin Maurach, Opava **
EIN SCHWARZHÄNDLER (mit Hut und Sonnenbrille): Dabei fällt mir ein, daß ich noch eine sehr kostbare Gesamtausgabe [habe] von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1907. Wäre das nichts für Sie?
MARIA BRAUN: Bücher brennen so leicht, machen aber nicht warm.
S. (seinen Warenkoffer wieder packend und sein Jackett überstreifend, das Braun für ihn halten mußte; empfängt von ihr eine Brosche als Bezahlung): Tja, so gesehen –
M.B. (dezidiert): Ich sehe es so.
(Beide verlassen den nur schwach beleuchteten Treffpunkt nach verschiedenen Seiten.)

Kleist als Wertobjekt im Schwarzhandel vor der Währungsreform, dazu eine noch kein halbes Jahrhundert alte »Gesamtausgabe« aus der Zeit Erich Schmidts? Zu einer Zeit, wo seine Schriften zumindest in der Sowjetischen Besatzungszone übel verpönt waren, nach ihrem politischen Mißbrauch unter Hitler?
Brauns Dialogzeile über die leichte Entzündlichkeit von Büchern mag auch die Erfahrung der Bombennächte spiegeln. Wer hinter der Klage über mangelnden Heizwert außer dem Erbe des »Kohlenklau« auch die Kleist gemäßere Hitze der Passion vermutet, muß sich schon den ganzen Film ansehen.
(Quelle: Rainer Werner Fassbinder: Die Ehe der Maria Braun [Deutschland 1978]; eigene Nachschrift)

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