Minde-Pouets Liste

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
12,85 Reichsmark an »weitere[n] Porto [!] und Verpackungs-Auslagen für Versendung des ›Kleist-Jahrbuch 1933-1937‹« ließ Georg Minde-Pouet am 13. Januar 1939 maschinenschriftlich auflisten. Das bürokratische Schriftstück ist wegen der Namen und Adreßangaben nicht ganz uninteressant. So setzte man voraus, daß ein »Dr. Jan Sztaudynger« von der Post noch in »Poznan« erreicht würde. Noch im Herbst desselben Jahres begann mit Deportationen und Mord die rücksichtslose ›Germanisierungspolitik‹ im sogenannten Reichsgau Wartheland, der Sztaudynger selbst aber wohl durch ideologische Anbiederung entging.
Demgegenüber wird als Anschrift von »Dr. R[ichard] Samuel« »The Rev. Canon« angegeben. Der bedeutende Kleist-Forscher war bereits fünf Jahre zuvor nach Cambridge emigriert. Nach seinem Zwangsausschluß aus dem universitären Lehrbetrieb 1933 waren die nationalsozialistischen Mord-Aktionen nach dem angeblichen ›Röhm-Putsch‹ von Ende Juni 1934 wohl der letzte Auslöser dafür.
Freilich war Minde-Pouet schon am 6. Januar 1939 ein ganz anderer Abnehmerkreis in Aussicht gestellt worden: Der »Führer« der Hitler-Jugend im »Gebiet Kurmark«, Werner Kuhnt, wollte das Jahrbuch seinen »Bann- und Jungbannführern zugänglich« machen und erbat dafür »65 Exemplare«.–
Angesichts dieses Verteilungsplans braucht es vielleicht tatsächlich etwas britischen Humor – eine Martha Freud zum Beispiel, die der Autor Anthony Burgess an der Wiener Wohnungstür zu den marodierbereiten »five youths of the Sturmabteilung« sagen läßt, der Herr Professor behandle immer nur einen Patienten aufs Mal …
(Quellen: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder]. – Anthony Burgess: The End of the World News. An Entertainment. London: Hutchinson 1982, S. 5)

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