Morgengabe

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
Kann schon mal vorkommen, daß man sich vertut, wenn man Kleist aus dem Gedächtnis zitiert: »Im [!] Morgen meines Todes«, so soll Christoph Meckel, an des Dichters Grab stehend, die berühmte Schlußzeile des Abschiedsbriefs an Ulrike wiedergegeben haben (Franz Loquai [Hrsg.]: Christoph Meckel, Eggingen 1993, S. 102). Das war zwar falsch, aber immerhin doch noch etwas näher dran am originalen Wortlaut als Felix Bamberg in der ADB anno 1882 (Bd. 16, S. 148: »Stimmings bei Potsdam den – am Tage [!] meines Todes«).
Woher könnte Kleist die einprägsame Wendung »d.— am Morgen meines Todes« haben? Spielt sie tatsächlich, wie Hans Joachim Kreutzer meint, auf den barocken Choral Morgenglanz der Ewigkeit an, der noch heute in Gesangbüchern steht (Heinrich von Kleist, München 2011, S. 118)?
Vielleicht wurde Kleist von einem der Abschiedsbriefe der schottischen Königin Maria I. vor ihrer Hinrichtung 1587 angeregt, der mit den Worten endet: »Gegeben den Morgen meines Todes des 8. Febr.« (zitiert nach: Herrn Wilhelm Robertsons […] Geschichte von Schottland […], Bd. 1, Braunschweig 1762, unpaginierte Vorrede).
Das würde auch die Abkürzung »d.« erklären, aufzulösen als »datum [die]«, die lateinische Standardfloskel »gegeben [am Tag]« (siehe auch Kleists letzte Zeilen an Sophie Müller vom 20. November 1811: »Gegeben in der grünen Stube«).

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