Neues aus dem alten Wien

Ernst Friedrich Sondermann, Professor an der Tohoku Gakuin Universität (Sendai) und Autor der wegweisenden Monographie Karl August Boettiger, literarischer Journalist der Goethezeit in Weimar (Bonn: Bouvier, 1983), danken wir herzlich für die Mitteilung der folgenden Auszüge aus bisher unpublizierten Briefen des sächsischen Legationsrats in Wien und Haydn-Biographen Georg August von Griesinger (1769-1845) an Boettiger (Dresdner Boettiger-Nachlaß, Bd. 64).

Wien d. 17. Oct. 1821.
Mein verehrter Freund,
No. 22. u. 30. der Abend Zeitung habe ich sicher nicht erhalten,
und der Defekt fiel mir gleich bei Eröffnung Ihres Pakets auf.
Bei wiederholter Nachsuchung fand sich ebenfalls nichts.
Ich lasse es wohl bleiben, das Kleistische Stük zweimahl zu sehen,
man sagt mir aber, daß bei den späteren Vorstellungen die
Stellen, welche mit Recht Gelächter erregten, theils ausgelassen theils
verändert worden seyen. Dadurch erreichte man, daß das Zischen un-
terblieb, aber zum Beifall konnte man es nicht bringen, was auch
Castelli und Schreyvogel zu Gunsten des Stüks behaupten mögen. Die
Neugierde, die schönen Costüms und Decorationen zogen übrigens noch bei
der 4ten Vorstellung viele Zuschauer herbei. […]

Wien d. 12. Dec. 1821.
Mein verehrter Freund,
Habent sua fata – die Theaterstüke! Es ist leicht möglich, daß
der Prinz v. Homburg in Dresden auf eine Art zugestuzt worden
ist, die ihn fürs Publikum genießbarer machte. […]

Wien 17. Sept. 1823.
Mein verehrter Freund,
[…]
Ein neues romantisches Schauspiel von Holbein; »Die Waffen-
brüder« nach einer Erzählung [!] von Kleist, ist in Kurzem
im Burgtheater dreimal bei sehr vollem Hause wiederholt
worden. Ich schreibe das auf Rechnung des vortreflichen
Spiels der Schröder, der Müller, der Anschüz, Korn p.p. wenigstens
hat das Stük mir große Langeweile gemacht, und bestä-
tigt, daß man jezt unter dem Titel »romantisch« einen
Freibrief für das Alberne, Regellose und Unwahrscheinliche
zu haben glaubt. Die Stael hatte Recht, sich über die
patience allemande in den Theatern zu wundern. […]

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Ein Kommentar zu Neues aus dem alten Wien

  1. Arno Pielenz sagt:

    Nur so am Rande:
    Hebbel notiert am 29. Januar 1847 in sein Tagebuch, er habe in Ruges Gesammelten Schriften gelesen, die insgesamt „etwas flau“, aber im einzelnen doch recht gut seien, so „z. B. der Aufsatz über den Kammerdiener Böttiger und seine sog. Memoiren, die er [Ruge – A. P.] mit dem Schlußwort: wenn das Alles auch passirt ist, so ist es darum doch nicht wahr! erschöpfend characterisirt.“
    Das ist auch nicht übel.

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