Noch einmal davongekommen

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Manchen überflüssigen Rezeptionsakten ist Kleist wenigstens bis jetzt auch entgangen. Möglicherweise ist sein Freitod am Wannsee auch nicht ›dumm‹ genug, um unter die Anekdötchen im unten genannten Buch eingereiht zu werden. Ein Bild konnte ich mir nur von der deutschen Fassung machen, von deren Lektüre hiermit dringend abgeraten sei. Es sei denn, man goutiere sprachliche und sachliche Kalamitäten wie:
»Fakt ist, dass [Jakob Michael Reinhold] Lenz vom Tag des Bruches [mit Goethe] an immer tiefer in eine nur dann und wann von hellen literarischen Momenten unterbrochene geistige Umnachtung abdriftet. Fünfzehn Jahre später findet man ihn tot in einer Straße in Moskau. Niemand weiß, wie er gestorben ist und was er in der russischen Hauptstadt zu suchen hatte.«
– oder:
»Am 7. Juni 1843 stirbt Hölderlin im Alter von dreiundsiebzig Jahren. Vielleicht hört er aber auch nur auf zu simulieren.«
Wenn Ignoranz und Sensationslust miteinander flirten, ist die Verunglimpfung eben nicht weit. Da blieb Kleist wirklich was erspart.
(David Alliot, Philippe Charlier, Olivier Chaumelle, Frédéric Chef, Bruno Fuligni, Bruno Léandri: Tschö mit Ö. Dumme Todesfälle aus der Geschichte. Köln: Bastei Lübbe 2014, S. 87, 89 [zuerst: La tortue d’Eschyle et autres morts stupides de l’Histoire. Paris: Arènes, 2012])

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