Otokar Fischer – Symposium in Prag

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Ein wenig erinnert es an den Witz aus Zeiten von Radio Eriwan, wonach der größte sowjetische Erfinder derjenige sei, der den sowjetischen Erfinder von Telefon, Glühbirne, Phonographen usw. – erfunden habe. Dagegen ist an dem Literaturhistoriker, Übersetzer (Robert Guiskard, Penthesilea, Faust u.v.a.), Theaterleiter, Dichter usw. namens Otokar Fischer (1883-1938) alles echt, und es handelt sich tatsächlich um nur eine Person.
Unter dem Titel Otokar Fischer v Rozhraních / in Grenzgebieten haben ihm Karls-Universität Prag und Freie Universität Berlin jetzt ein aufwendiges internationales Symposium gewidmet (Prag, 20.-22. Mai), gefördert u.a. vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds. Fast schien es, als werde Fischer in Tschechien damit nach Jahrzehnten der Vergessenheit ein Stück weit wieder zur gelehrten und moralischen Instanz. In Deutschland dagegen scheint der Weg dahin noch lang. Als interdisziplinärer Denker und Person des öffentlichen Lebens in einer politisch und kulturell konfliktreichen Zeit bleibt er eine echte »contraiectio in addicto«, wie es einmal in der ansonsten großartigen, extrem mühevollen Simultanübersetzung hieß – eben ein Querschläger für Süchtige.
Fischer wurde in Kolín als Sohn des Ölfabrikanten und assimilierten Juden Paul Fischer und dessen Frau Hermína, geb. Krásová, geboren und besuchte dort die tschechische Volks- und Mittelschule, dann das Realgymnasium. Die Muttersprache seiner Mutter war Deutsch; Verwandte lebten in Berlin. Nach einer religionsfernen Erziehung zeigte Fischer erst in späteren Jahren mehr Interesse am Judentum, das für ihn lebenslang eine Quelle von Konflikten bildete.
1898 übersiedelte der Vater mit Firma und Familie nach Prag, wo Fischer zunächst ein tschechisches Gymnasium besuchte und später Philologie an der deutschen und der tschechischen Universität studierte. 1903/4 hörte er während eines Berliner Studienjahres u.a. bei Gustav Roethe und Erich Schmidt, dem er 1913 einen Nekrolog widmete (Topor). Denkbar sei es, daß dieser Berlin-Aufenthalt – ein am Kleist-Grab durchpassierender Ausflug ist bezeugt –, möglicherweise aber auch sein Prager Doktorvater August Sauer ihn zu seinen Kleist-Studien anregten. Bei Sauer promovierte Fischer über Gerstenbergs Rezensionen in der ›Hamburgischen Neuen Zeitung‹. 1908/09 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Träume in Gottfried Kellers Grünem Heinrich; 1919 wurde er a.o. Professor, 1927 ordentlicher Professor für deutsche Literaturgeschichte an der Karls-Universität. Weitere wichtige Monographien beschäftigen sich mit Kleist, Nietzsche und Heine.
Fischer sei insgesamt dreimal verheiratet gewesen, 1911 zum ersten Mal, nachdem er zum Katholizismus konvertiert war, in zweiter Ehe dann 1923-1925 mit der bildenden Künstlerin Vlasta Vostřebalová, einer seiner Studentinnen (Frank-Barnová), und so weiter. 1935 wurde er – nicht ohne Anfeindungen – Schauspielchef am Prager Nationaltheater, ließ u.a. de Vega und Schiller spielen, aber auch Zeitstücke wie Karel Čapeks Die weiße Krankheit. Als Dramaturg soll er fortschrittlich und experimentierfreudig gewesen sein (Ježková). Wie Klaus Mann berichtet (Die tödliche Zeitung, zuerst in: Das Neue Tage-Buch, 19.3.1938), erlitt der auch politisch höchst wache und engagierte Fischer über der Nachricht vom Einmarsch der NS-Truppen nach Österreich einen tödlichen Herzanfall. Sein umfangreicher Nachlaß liegt in der Bibliothek von Stráhov; die Zahl der von ihm auf Deutsch und Tschechisch publizierten Seiten geht in die Tausende.
Literaturwissenschaft und Psychologie
Angesichts dieser Vielseitigkeit wären also ganze Fischer-Chöre anzustimmen. Allerdings ist das Bild Fischers, für den die Literaturgeschichte zugleich deutsch-tschechische Kulturgeschichte gewesen ist, keineswegs harmonisch oder widerspruchsfrei.
Seine Schwester Anna Fischerová (geb. 1881) zählte zu den ersten Studentinnen und Promovendinnen der deutschen Philologie an der Karls-Universität. 1909 verbrachte sie ein Studienjahr in Oxford und engagierte sich wissenschaftlich und publizistisch für die Frauenbewegung. Ihre Spur verliert sich 1942 in Theresienstadt (Heczková).
Fischers methodischer Weg folge der Entwicklung der Literaturwissenschaft um 1900 von Diltheys hermeneutischen Konzepten hin zu einer zunehmenden Beeinflussung durch die empirische Psychologie; er nehme dabei unter den Prager Germanisten eine Pionierrolle ein (Höhne). Er habe allerdings die Psychoanalyse als reduktionistisch abgelehnt; auch in gewissem Gegensatz zur späteren Gottfried Keller-Forschung sei die Philologie für ihn unverzichtbarer »Unterbau« literaturpsychologischer Studien geblieben (Charvát); er habe Biographie und Werk stets auseinandergehalten. Fischers Forschungsinteresse richte sich auf die »innere Entstehungsgeschichte literarischer Werke« (Müller).
Kleist als Karrierehindernis
Eng verbunden mit seinen psychologischen und kunstwissenschaftlichen Interessen erscheint seine von der Romantik inspirierte Forderung nach dem kongenialen, künstlerisch und imaginativ begabten Forscher. So habe er bereits um 1907 nach der poetischen Bedeutung der Synästhesie gefragt und eine Geschichte der Wahrnehmung seit der Romantik postuliert. Den »Anteil des künstlerischen Instinkts an literaturhistorischer Forschung« thematisiert ein Kongreßbeitrag von 1913. In Kenntnis der zeitgenössischen Gedächtnisforschung habe Fischer literarische Rezeption auf theoretisch originelle Weise unter dem Aspekt der Erinnerung zu fassen versucht und vorgeschlagen, Nietzsches Gedanken von der »ewigen Wiederkehr« mit Hilfe der Phänomene des »déjà vécu« und der »fausse reconnaissance« zu deuten (Aufsatz in der ›Zeitschrift für allgemeine Psychologie‹ um 1911). Als Kulturwissenschaftler sei Fischer neben Aby Warburg und Ernst Cassirer zu stellen; die methodische Innovativität seines Aufsatzes über »Probleme der Erinnerung und deren Bedeutung für die Poesie« rechtfertige die Spekulation, wo die Germanistik stünde, wenn Fischer eine ähnliche Wirkung beschieden gewesen sei wie Dilthey (Weinberg). Dem zeitgenössischen tschechischen Formalismus und Strukturalismus gegenüber blieb Fischer distanziert (Stromšik).
Ebenfalls 1911 erschien ein Aufsatz Fischers über Nietzsche und Kleist, 1912 die Kleist-, 1913 die Nietzsche-Monographie. Nietzsches Tragödienschrift hat Fischer ins Tschechische übersetzt. Insofern scheint plausibel, daß seine Kleist-Rezeption über Nietzsche vermittelt gewesen sei: Beide erschienen ihm als »schöpferische Ausnahmemenschen«; Kleist sei für Fischer, der Hofmannsthals Chandos-Brief ebenso wie die Arbeiten Fritz Mauthners kannte, der erste Sprachskeptiker der deutschen Literatur gewesen (Heimböckel). Wie Kleists Herrmannsschlacht ihm nach dem Reichstagsbrand als Zeugnis einer »brandenburgischen Machiavellistik« verdächtig wurde (Maurach), so reflektierte Fischer 1934/1935 in einem auf Tschechisch und Deutsch erschienenen Aufsatz auch über Nietzsche und das Dritte Reich (Zittel).
Bereits bei der Veröffentlichung seiner ersten Kleist-Studien nach der Rückkehr aus Berlin wurde Fischer vorgehalten, er dürfe als tschechischer Jude nicht über Kleist, andererseits aber auch nicht über »tschechische Fragen« forschen (Topor). Während die Penthesilea-Übersetzung gelobt wurde, sei die Kleist-Monographie geradezu ein Hindernis auf seinem langen Weg zur ordentlichen Professur gewesen (Vojtĕch).
Anderssprachige, politische, zeitgenössische Lieder
Angeblich habe sich Fischer auf den Rat eines Onkels hin zwischen 1906 und 1910 taufen lassen, um zu heiraten und später Dozent und Professor zu werden; sein Totenschein vermerke jedoch seine Konfessionslosigkeit. In seinem Gedicht Amphitheater habe er sich selbst denn auch zum »Ahasver« stilisiert. Fraglich sei, wieweit seine Distanz zum Judentum ein Beispiel für »jüdischen Selbsthaß« biete. Jedenfalls deute sie auf ein unbewältigtes Trauma. So habe sich Fischer von Heine, dem er 1924 eine Monographie widmete, in einem Gedicht Norderney heftig distanziert. Andererseits übersetzte er dessen letzte Gedichte, die er als Rollenrede deutete, und verglich ihn mit Villon. Den Romanzero charakterisierte er als »jüdisch geprägt«; sein Forschungsinteresse zielte auf die Frage der Einheitlichkeit von dessen Kunstcharakter (Stášková).
Was übersetzte er noch? Als Romanist im Nebenfach zumindest Corneille, Molière, François Villon und Verhaeren (Thirouin); seine Übersetzungen und Rezensionen moderner tschechischer Lyrik ins Deutsche wurden kanonbildend (Ifkovits). Ferner Frank Wedekind, von dessen Erdgeist er Anfang 1914 eine Aufführung in tschechischer Sprache initiierte; wegen Franz Werfels Glosse zu einer Wedekind-Feier im ›Prager Tagblatt‹ wurde auch diese zum Anlaß nationalistischer Auseinandersetzungen (Zbytovsky). Übersetzungstheoretisch ließen sich bei Fischer eine gewisse Orientierung an Jakobsons »kreativer Transposition« sowie an Wilamowitz-Moellendorff erkennen. Generell skeptisch gegenüber der Übersetzbarkeit von Literatur, nannte er zugleich den Bilinguismus eine grundlegende Erfahrung jedes Schriftstellers (Tucker).
Während Fischer einige Autoren des »Prager Kreises«, u.a. Max Brod, rezensierte, erwähnt er Kafka kaum; dieser zählt für ihn zur »Zeit des Chaos nach 1918« (!) (Sřomková). Nach 1933 unterstützte Fischer im Kampf um das wahre kulturelle Erbe Deutschlands politische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich in verschiedenen Vereinigungen, u.a. in dem späteren Freien deutschen Kulturbund, dem auch Oskar Kokoschka angehörte, und der Thomas-Mann-Gesellschaft (Skořepová).
Desiderate
So reichhaltig das Symposium auch war – es gibt noch wichtige Desiderate, vor allem die Klärung der Frage, warum eine breitere Rezeption ausblieb. Denn nach 1945 befindet sich der »Forscher Fischer« in dieser Hinsicht in beiden Ländern so ziemlich »im mondlosen Olm«, so Ror Wolf, der ihn bestimmt nicht gemeint hat (Nachrichten aus der bewohnten Welt). Nicht einmal ein verdienstvolles internationales Germanistenlexikon machte ihn zum König, geschweige zum Kaiser und Papst; sollen wir also, womöglich von weiblichem Ehrgeiz getrieben wie im Märchen, wünschen, er würde umschwärmt wie der liebe (Karel) Gott? Oder genügte es vorerst, wenn sich jemand fände, eine möglichst breite Auswahl seiner Schriften endlich auch in Deutsch bei irgendeinem Hofe durchzutreiben?

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