Peinliche Novellen- und Dramenversuche

Karl Kraus druckt in der Fackel vom 21. März 1910 Auszüge aus dem Vorwort von Karl Bleibtreu zu Samuel Markus’ Buch Geschichte der schweizerischen Zeitungspresse zur Zeit der Helvetik 1798-1803 (Zürich 1910):

Zur richtigen Abschätzung der Presseverdienste um Propagierung des Bedeutenden wäre der Nachwelt förderlich, die wahren Größeverhältnisse geistiger Persönlichkeiten im Lichte ihrer Zeitgenossen richtig zu schauen. Wenn wir uns eine gewisse Presse 1811 vorstellen, so würden deren Notizen etwa so gelautet haben:
»Wie wir vernehmen, hat unser großer Romandichter Lafontaine das echtdeutsche Gemüt seiner Heimatkunst in einem neuen unvergänglichen Werke niedergelegt.« »Unser berühmter Iffland bereichert demnächst die deutsche Bühne um ein neues naturalistisches Meisterwerk.« »Eine frohe Kunde dringt zu uns: der weltberühmte Hofrat von Kotzebue wird seine dankbare Weltgemeinde im In- und Ausland wieder mit einem Sprößling seiner liebreizenden Muse bedenken. Der unsterbliche Autor von ›Menschenhaß und Reue‹ hat diesmal sowohl die Tränen als das schalkhafte Lächeln nicht gespart«. »Allhier erschoß sich Leutnant a. D. Heinrich v. Kleist in einem Anfall von Geistesstörung. In engeren Kreisen machte er sich durch peinliche Novellen- und Dramenversuche bekannt, die jedoch nirgends Fuß faßten. Kleist war nicht unbegabt. Doch der Größenwahn unbegreiflicher Selbstüberhebung, wo großes Wollen nur Ungekonntes und vor allem Halbfertiges liederlich und ohne Selbstzucht hinschleuderte, stieß alle wohlwollenden Gönner wie den berühmten Tieck in Dresden ab, und so blieb der Unglückliche leider unreif bis zu so traurigem Ende.« (Karl Bleibtreu: Die Presse, in: Die Fackel, Nr. 298-299, 21.3.1910, S. 47-52; hier S. 49f.)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.