Rauschgott verdrängt Apoll

Michael Stallknecht in der NZZ über das neue Buch von Karl Heinz Bohrer: Das Erscheinen des Dionysos. Antike Mythologie und moderne Metapher (Berlin: Suhrkamp, 2015):
»So sei Dionysos eigentlich erst wirklich ›dionysisch‹ geworden. Mit dem Epochenriss der Französischen Revolution beginnt für Bohrer eine Dichtkunst, in der der antike Gott des Rausches den Musengott Apoll als Leitfigur immer häufiger zur Seite drängt.
Belege dafür sieht er namentlich bei Friedrich Hölderlin, der in der Hymne ›Wie wenn am Feiertage …‹ die Inspiration des Dichters als dionysisch beschreibt oder in ›Brot und Wein‹ den blitzhaften Augenblick beschwört, ein emphatisches ›Jetzt‹. Die klassizistische, sprich apollinische Dichtung aller Zeiten zitiere die alten Götter als blosse kulturelle Referenz und setze damit deren endgültiges Ende voraus, während Hölderlin den Versuch einer Wiedergewinnung des Dionysischen als spirituelles Ereignis betreibe. Dafür muss Dionysos nicht einmal explizit erwähnt werden, wie Bohrer beispielsweise an Heinrich von Kleists ›Penthesilea‹ oder beim amerikanischen Dichter Ezra Pound zu belegen sucht.« http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-dionysische-moderne-1.18638421

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