Schulgerechte Wurzel

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Kenner und Liebhaber werden ja wissen, inwieweit Johann Friedrich Herbart (1776-1841) die Generalbaß-Stelle aus dem Brief an Marie von Kleist vom Mai (?) 1811 vorwegnimmt. Nur als kleiner Service sei hier deshalb ergänzt, wovon Oskar Walzel lediglich den ersten Satz zitiert, ohne genaue Quellenangabe und ohne Kleist zu erwähnen:
»Darf man es sagen, dass die musicalischen Lehren, die den seltsamen Namen: Generalbass, führen, das einzige richtige Vorbild sind, welches für eine ächte Aesthetik bis jetzt vorhanden ist? […] Dieser Generalbass verlangt, und gewinnt, für seine einfachen Intervalle, Accorde, und Fortschreitungen absolute Beurtheilung; ohne irgend etwas zu beweisen oder zu erklären.« Herbart sieht dieselben quasi intuitiven Urteile in der Ethik wirken: »Verhältnisse von Willen [Plural, MM]« würden den Urteilenden »gleich jenen Verhältnissen von Tönen, in absoluten Beifall und absolutes Missfallen […] versetzen«: »Ein Beitrag wird dadurch geliefert sein zu einer künftigen Poëtik, sofern unter deren Elementarverhältnissen die der Willen sich wieder finden müssen.«

Darum also wären »im Generalbaß«, nach Kleist, »die wichtigsten Aufschlüße über die Dichtkunst enthalten« – nämlich nicht vermittelt über Musikästhetik und Sphärenharmonie, sondern über Herbarts Grundlegung der praktischen Philosophie? Anders gesagt, Dichtung kann nicht einfach so mit Musik verglichen werden, weil sie es normalerweise mit moralischer Semantik zu tun hat. Genau diese Lücke beansprucht Herbart zu schließen. Mit ihm gelesen, wäre Kleists Satz kein beiläufiges romantisches Aperçu mehr, sondern ›schulgerechte‹ Anspielung auf ein System.

Warum aber sollte Kleist das Werk des Nachfolgers von Wilhelm Traugott Krug an der Königsberger Universität (seit 1809) nicht gekannt haben, und warum sollte ihn dessen Suche nach ›Grundformeln‹ der Wahrnehmung wie auch nach sowohl erfahrungsbezogenen als auch auf Prinzipien gegründeten Urteilen – in der Auseinandersetzung mit Kant – nicht besonders angesprochen haben?

Schließlich könnten Käthchen und Penthesilea als »das + und – der Algebra« auch solche »Verhältnisse von Willen« ausdrücken. Allerdings liegt die Formulierung im Brief an Collin vom 8. Dezember 1808 dafür zeitlich sehr früh und die entsprechende an Marie von Kleist noch früher.
(Quellen: Johann Friedrich Herbart: Allgemeine praktische Philosophie. Göttingen: Dankwerts 1808, hier zit. n. ders.: Sämmtliche Werke. Hrsg. v. Gustav Hartenstein. Bd. 8. Leipzig: Leopold Voss 1851, S. 20. – Kleist: DKV IV, S. 485; 424; 398. – Oskar Walzel: Das Wortkunstwerk. Mittel seiner Erforschung. Leipzig: Quelle & Meyer 1926, S. 87)

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