Schwarzweißbraun

Sonntags, bei ungemütlichem Herbstwetter, vielleicht mal wieder den – die einen sagen: berühmten, die anderen: berüchtigten – Jannings-Film Der zerbrochene Krug von 1937 ansehen: http://www.youtube.com/watch?v=LHZSkQAlCec

Die Beschreibung des Plots, die bei der Wiener Zensur im Oktober 1937 eingereicht wurde, liest sich wie die Anleitung zu einem Pogrom: »[…] der Lauf der Gerechtigkeit kann nicht mehr abgewendet werden. Unter dem Jubel von Jung und Alt wird Richter Adam durch das Dorf verfolgt […].« http://www.filmarchiv.at/efg/censorshipcards/02727_FAA_CEN_211037_P1.pdf

Aus zwei bemerkenswerten Essays:
*** »Auch wenn das ›Lexikon des Internationalen Films‹ die ›wortgetreue Verfilmung des Kleistschen Lustspiels‹ als ›Meisterwerk der Schauspielkunst‹ bezeichnen zu müssen glaubte, es hilft nichts: Wir werden was Kleists Komödie betrifft doch ins Theater gehen müssen. Uns stört nicht das damals übliche filmische Schwarzweiß; uns stört das penetrante politische Braun dieses Films. Sorry for you, Henry Kleist!« http://www.zelluloid.de/filme/kritik.php3?id=7820&tid=10984
*** »›Der zerbrochene Krug‹ wurde 1945 von den Alliierten vorübergehend verboten. Heute sollte das Jannings-Spektakel weniger als Produkt der Nazizeit denn als eine der wenigen Verfilmungen eines Bühnenstücks betrachtet werden, die regelrecht Lust auf einen Dichter machen, dessen Kettensätze einen nicht mit ihm vertrauten Gymnasiasten sonst rasch das Fürchten lehren könnten. Ich war als Kind vom Film derart begeistert, dass ich mich schon bald an Kleists grosse Erzählungen und später auch an die Dramen machte. Der Mann, der Goethe seine Penthesilea ›auf den Knien seines Herzens‹ darbrachte, wurde für längere Zeit mein Lieblingsdichter, was ich dem herrlichen Jannings-Film verdanke. Der Gedanke, dass sich Goebbels regelrecht über ihn ärgerte, lässt ihn mir noch wertvoller erscheinen.« http://whoknowspresents.blogspot.de/2012/08/machte-sich-kleist-uber-goebbels-lustig.html

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