»Sieht er wohl, Herr Wirth?«

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Zur Prosa von Gert Hofmann (29.1.1931-1.7.1993) und dessen glücklosem Selbstmörder: Infolge eines Kognaks auf leeren Magen schläft er ein, statt sich mit der Pistole in den Kopf zu schießen, und erwacht »am nächsten Morgen halbtot […], weil er auf etwas Hartem liegt«, auf seiner Waffe eben. Erzählt das, als wäre es einem Dritten widerfahren, im Ton eines Witzes dem Wirt einer einsamen Bahnhofskneipe, während er auf den Zug wartet, der ihn fünf Minuten später vom Leben zum Tode bringen soll. Der Leser ahnt das früher als der Wirt, Hofmanns Rahmenerzähler, welcher dem verhinderten Selbstmörder mehrmals wunschgemäß »Noch einen!« einschenkt und den »Kerl« wenig später noch mit »Mann Gottes! […] Aber da kommt er ja!« zum einfahrenden Zug hintreibt.
Wie dieser zweite Versuch ausgeht, sei nicht verraten. Aber nicht nur der Dialog, auch die bald beschleunigende, bald retardierende Dramaturgie erinnert auf makaber-komische Weise an die Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege. Die echofragenden, skeptischen, kindlichen oder kollektiven Erzähler späterer Prosawerke Hofmanns wie Die Fistelstimme (1980), Der Blindensturz (1985) oder Das Glück (1992) haben sich vieles von Kleists Prosatechnik anverwandelt.
Wenn die Nationalsozialisten an jedem Silvesterabend Kleists Anekdote im Rundfunk vortragen ließen, hatten sie wohl kaum die Absicht, deren einzelnen preußischen Reiter als verhinderten Selbstmörder zu feiern. Die groteske Ambivalenz von Kleists Text macht erst Hofmann voll sichtbar.

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