So gut wie unbekannt

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf über August Koberstein, einen seiner Lehrer in Schulpforta:
»Koberstein war alt und etwas bequem; er hatte bei Großbeeren im Feuer gestanden. Den letzten Aufsatz des Semesters gab er nie zurück, das wußte man. Das Deutsch der letzten vier Schuljahre hatte er in der Hand, in Untersekunda mittel- und neuhochdeutsche Grammatik, also hier etwas Sprachgeschichte, in Obersekunda Lesen mittelhochdeutscher Poesie, nicht bloß Lachmanns 20 Lieder der Nibelungen, natürlich zum großen Teil Privatlektüre; auch etliche althochdeutsche Verse aus Muspilli; auch die Merseburger Sprüche prägten sich dem Gedächtnis ein. In Prima langweilte sein Vortrag über Literaturgeschichte, oft Vorlesung aus seinem gelehrten Werke. Interpretiert ward nichts. Dies versagte also, und die Korrektur und Besprechung der Aufsätze bedeutete wenig. Aber sein Urteil war doch maßgebend. Eine Stunde war Disputation über Themen, die wir vorschlugen und über ihre Wahl abstimmten, meist aus unserer Lektüre, zumal der klassischen Dichter; denn daß diese bekannt wären, setzten auch wir voraus. Als in einer Disputation herauskam, daß einem eine der Haupttragödien Shakespeares unbekannt war, verlor er die allgemeine Achtung, so gut seine Klassenleistungen waren. Über die lebhafte Debatte mußte Protokoll geführt, in der nächsten Stunde verlesen werden, ebenso förderlich wie die Übung im freien Vortrage. Ein anderes trat hinzu. Koberstein versammelte in einigen Abendstunden die Primaner, die es wollten, in seiner Wohnung und las Dramen vor, meisterhaft, wie er es bei Tieck gelernt hatte. Da lernten wir Kleist erst recht kennen, der ja noch so gut wie unbekannt war; ich habe ihn in mein elterliches Haus eingeführt und bin noch nach 1870 oft auf totale Unkenntnis gestoßen.« (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Erinnerungen. 1848-1914 [2. erg. Aufl., 4.- 5. Tsd. – Leipzig: Koehler, 1928], S. 77)

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