Tastenklappern oder die Gewalt der Assoziation

** Von Martin Maurach, Opava **
Von sich, »der ich ein Schriftsteller bin«, spricht Marcel Beyer in seiner Dankrede zum Kleist-Preis 2014 zwar nicht ständig, läßt uns aber sicherheitshalber wenig später noch einmal wissen, daß er »als Schriftsteller spreche«. Das glauben wir ihm ja gerne, und weil er als solcher verfolgt, »wie der dahinfließende Wortklang zu Aussagesätzen gerinnt«, fließt ihm in den Titel von Kleists Erzählung auch gleich ein hörbarer Stabreim ein, »Die heilige Cäcilie oder die Macht der Musik« – also wenn das keine Verbesserung ist.
Bei den Aussagesätzen läßt der redenschwingende Schriftsteller dann auch richtig die kreative Sau ’raus (»Jenes heißersehnte Licht am Ende des Tunnels könnte das blinkende Blatt einer Axt sein«). Zwar fängt er sie – die Sau – gleich darauf als »grobrhetorisch« wieder ein, aber hat er sich bisher im Umfeld gehobener Reiseführerprosa und fleißig geschauter Fernsehnachrichten bewegt (Santa Cecilia in Rom einerseits, Abu Ghraib andererseits), so legt der Prosa-DJ nunmehr den Bonus-Track auf und läßt uns einen Blick in die Werkstatt des Schriftstellers tun. Schließlich haben wir ja Eintritt bezahlt und bekommen dafür Henriette Vogel und den Dichter geboten als »unsere ausnehmend höflichen Selbstmordattentäter vom Kleinen Wannsee«, die, aus Versehen gestorben ist auch tot, nur aus Versehen nicht am Namenstag der Cäcilie, dem 22. November, gestorben wären. Als ob das ganze Schrecken der Assoziationskunst über unserem Haupte rauschend daherzöge. Oder nein, nicht rauschend. Wie Beyer uns am Schluß selbst belehrt, hören wir bei seiner Arbeit »nichts als das reine, klare […] Tastenklappern«.
(Quelle: Marcel Beyer: Der Schnitt am Hals der Heiligen Cäcilie. In: Sinn und Form 67 (2015), Heft 2, S. 185-194)

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