Tiefsitzende Verzärtelung

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Minde-Pouet ließ ja höchst selten etwas ’raus. Persönliches verschwieg er meist vermutlich aus taktischen Motiven. Dagegen scheint ihn eine Art Selbstmitleids-Pedanterie gepackt zu haben, als er sich am 18. Februar 1942 bei einem Fräulein Glockmann wegen eines krankheitshalber versäumten Treffens entschuldigt:
»Im übrigen gehören diese Erkältungen bei jedem Witterungsumschlag, bei kaltfeuchtem Wetter und bei Aufenthalt in kalten Räumen (wie es in Dresden und auf der Rückreise in ungeheiztem Zuge der Fall war) zu den Qualen meines Lebens von Jugend an – eine Folge davon, dass meine Mutter aus falscher Erziehungsmethode mich nie warm genug anziehen konnte, mich z. B. nie ohne ein Tuch um den Hals ausgehen liess, sobald auch nur ein kleines kühleres Windchen wehte. Gegen diese ewigen mit Schnupfen beginnenden Erkältungen hatten schon Dr. Lipowski und Geheimrat Augstein in Bromberg Abhärtungskuren mit mir versucht, aber vergebens; die Verzärtelung durch meine Mutter sass schon zu tief in mir.«
… undsoweiter, eine ganze Schreibmaschinenseite. Erst auf der Rückseite erfährt man, daß ›Fräulein Glockmann‹ ihm offenbar dabei half, den Nachlaß des Ludwig von Brockes zu suchen. –
Kluge Leute haben Bitteres gesagt über Wehleidigkeit gegen sich selbst und Härte gegen andere. Recht haben sie.
(Quelle: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder])

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