Tonnenideologie

Mit großen Erwartungen ist gestern die ›Deutsche Digitale Bibliothek‹ (DDB) in einer ersten öffentlichen Betaversion ins Netz geschickt worden (www.deutsche-digitale-bibliothek.de). »Seit Sommer 2007 arbeitete ein Kompetenznetzwerk, bestehend aus Vertretern von Bund, Ländern und Kommunen an dem ambitionierten Vorhaben. […] ›Mit dem heutigen Start […] sind wir der Verwirklichung unserer Vision, über das Portal das kulturelle und wissenschaftliche Erbe Deutschlands in digitaler Form zugänglich zu machen, ein gutes Stück nähergekommen‹, erklärt Hermann Parzinger [Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Sprecher des Vorstands des Kompetenznetzwerks der DDB], ›aber wir sind noch nicht am Ziel. Dies ist ein Prozess, der auf Jahre angelegt ist.‹« http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/news/2012-11-28-000

Die Suchanfrage ›Heinrich Kleist‹ ergibt 273 Treffer, die keinen Kleistinteressierten sonderlich entzücken werden. Um Masse zu machen, hat man zusammengekehrt, was die teilnehmenden Sammlungen jeweils im Netz längst veröffentlicht haben: bspw. Tiecks (Nachlaß-)Ausgaben aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek, dort von Google ehedem digitalisiert, 137 Fotos aus der Sächsischen Landesbibliothek oder Abbildungen von sechs Sammlungsstücken aus dem Berliner Münzkabinett PK. Manche Stücke sind unzulänglich oder grundfalsch erschlossen (z. B. Fotografie »Gedenkstein des Heinrich von Kleist an seine Braut Wilhelmine von Zenge – gestorben 05.09.1800 – Lichtenstein in Sachsen«). Und ob zum »kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands« etwa die Dissertation Weiblich, trefflich, nervenkrank: Geschlechterbeziehungen und Machtdispositive. Heinrich von Kleists Werk im medizinisch-anthropologischen Diskurs der Zeit um 1800 (Erlangen-Nürnberg 2004) oder die zweite Auflage des Bandes Kleists Dramen und Erzählungen. Experimente zum »Fall« der Kunst (Tübingen 2010) gehört, wird sich wohl erst im Lauf der Zeit erweisen.
Bisher ist das Kleist-Angebot ein Sammelsurium – es kann nur besser werden, hoffen wir.

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2 Kommentare zu Tonnenideologie

  1. Zugänglichkeit im Netz ist Chance und Gefahr in einem; Chance, weil man Zufallsfunde machen kann, auf die man sonst nicht käme; Gefahr, weil man übersieht, daß vieles halt doch nur gedruckt vorliegt. Selbst Germanisten scheinen heute ihre Arbeiten oft nur noch auf ›Recherchen‹ im Internet zu stützen. Wie anders wäre es zu erklären, daß selbst Kleist-Monographien, meist Dissertationen, unter den benutzten Hilfsmitteln oft keine Bibliographien mehr aufführen? Kennen sie sie nicht oder nennen sie die benutzten Hilfsmittel nur unvollständig? Wie auch immer: Wer so arbeitet, wer die Hilfsmittel seines Faches nicht kennt oder sie kennt und sie nicht angibt, kann weder ›summa cum‹ noch ›magna cum laude‹ erwarten. ›Rite‹ vielleicht gerade noch.

  2. Also, ich verstehe die Einwände gegen die Deutsche Digitale Bibliothek nicht, ist es uns doch immerhin mit ihrer Hilfe im Handumdrehen gelungen, durch eine einfache Suche eine illegale 1:1-Kopie aus einem unserer noch lieferbaren Sammelbände zu finden. Ich kann daher allen Verlagen nur dringend empfehlen, selbst einmal ein bißchen zu recherchieren und der ddb einen Dankesbrief zu schreiben.

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