Übertriebene Sparsamkeit

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Unter den Kiebitzen der Partie ›Goethe gegen Kleist‹ stellte sich der fragmentaristische Denker Ludwig Hohl (1904-1980) zunächst auf die Seite des Weimarers: »Alle großen Geister haben irgendwo ein System, sogar Goethe; […] so aber hat Goethe auch einige ablehnen müssen (Kleist, Beethoven), sogar Goethe.«

Hohl versuchte in der lebenslangen Anstrengung kontinuierlicher Fremd- und Selbstrevision noch einmal ein Ganzes – eben ein System – zu denken, unberührt von den meisten zeitgenössischen Schulen. Daraus mag sich seine Vorliebe für den späten Goethe erklären. So übernimmt Hohl letztlich den Vorwurf jugendlicher Übereilung an Kleist, wenn er der »Gipfel-Rechnung der Jugend« das am immer strebenden Sich-Bemühen orientierte »Wissen« gegenüberstellt, »daß es keine echte Anstrengung gibt, die fruchtlos bliebe«.

Interessanter erscheint da Hohls folgende Deutung, die Kleist neben Balzac rückt, einen anderen seiner kanonischen Autoren:
»In der Geschichte […] hat man immer wieder deutlich gesehen, wie die übertriebene Sparsamkeit zu großen Verlusten verurteilt.
In der Geschichte von Gemeinschaften wie von Einzelpersonen; nicht nur auf finanziellem Gebiet, sondern auch auf dem des Trieblebens (die explosiven Exzesse schwer gehemmter Naturen!), des Kunstbestrebens (der Ernst im Ernste, zu knapp bemessener Raum, sich Versagen der Spielfreiheit; »der völlige Ernst tötet den Stil«), der Ökonomie der Kräfte schlechthin (von hier aus läßt sich ein Gemeinsames sehen im Leben von Balzac, Kleist, van Gogh).– Geschichte, die immer lehrte:
Wenn die Eltern geizig sind, müssen die Kinder verschwenden.«

Also doch ein Unentschieden?
(Quelle: Ludwig Hohl: Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981, S. 55, 57, 63)

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