Überhaupt kein Dichter

René Wellek erinnert an Benedetto Croces bösen Blick auf Kleist:
»Der Essay [Croces] über Heinrich von Kleist kommt zu noch ungünstigeren Schlußurteilen. Kleist sei als Mensch gänzlich von ›triebhafter, tierischer und mechanischer Regung‹ beherrscht gewesen. Penthesilea wird zwar von der ›Lust am Wollüstigen, Blutigen und Schauerlichen‹ freigesprochen. Kleists ursprüngliche Triebfeder der Eingebung liegt vielmehr ›in dem vergeblichen Streben nach einem überaus hohen Ideal und in der Verzweiflung es nicht erreichen zu können‹. Aber Croce verdammt die Hermannschlacht wegen ihres pathologischen Patriotismus, und Kätchen von Heilbronn wegen Aberglauben, Hysterie und Somnambulismus. Die Novellen, von denen Croce zwei, ›Das Erdbeben von Chile‹ und ›Die Verlobung von San Domingo‹ kurz nacherzählt, werden ›merkwürdig oder schreckhaft, aber nicht wahrhaft tragisch oder ergreifend‹ befunden. Croce verachtet Amphitryon als eine ›geschmacklose Grille‹, die in ›den Schlamm erotischer Physiopathologie‹ versinkt und ein anmutiges, leichtflüßiges Stück Molières entstellt. Der Prinz von Homburg ist ein Melodrama, das ›banal, oberflächlich und kindisch‹ wirkt; und Der zerbrochene Krug ist ein ›in pedantischer Weise unglaublich in die Länge gezogener Schwank‹. Kleist ist überhaupt kein Dichter, höchstens ein Redner, in dem man kaum eine einzige wirklich poetische Stelle finden kann. Croce ist offensichtlich verärgert von den großen Ansprüchen, die während der Zeit des Naturalismus für Kleist gemacht wurden und kann sich nicht mit der Suche nach dem ›rauhen germanischen Drama‹ befreunden. Er zieht Ibsen vor, der ihm ein ›höherer Künstlergeist‹ zu sein schien und beruft sich auf Goethes und Hegels ungünstige Aussprüche über Kleist. Croce schweigt gänzlich über Michael Kohlhaas, erwähnt Robert Guiscard und Die Marquise von O… nur im Vorübergehen und kennt anscheinend die Abhandlung über das Marionettentheater nicht. Er unterschätzt Kleist, weil er ›das Kolossale, das Lärmende, den Trommelwirbel mit Trompetenschall‹ nicht ausstehen kann, ›jenes Getöse, in dem die echte Poesie erstickt, gleich Cordelia, die eine zarte Stimme und wenig Worte hat‹.« (aus: René Wellek: Croce als Kritiker der deutschen Literatur. Vorgetragen am 12. Dezember 1980. München: Verlag der Bayer. Akademie d. Wissenschaften / München: Beck 1980. [Bayer. Akademie d. Wiss. Philosophisch-Historische Klasse. Jg. 1980, H. 4]) – Herzlicher Dank an Barbara Wilk-Mincu für diesen Fund.

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