Vergessen

** Von Wolfgang Barthel, Berlin **
Noch vor dem Weltuntergang, aber doch wenigstens vor Ende dieses Jahres soll an einen Vergessenen erinnert werden, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts schreibend tätig war: an den Lyriker und Kunstschriftsteller Ernst Schur. Er starb in Berlin am 6. März 1912 im Alter von 35 Jahren. 2012 jährte sich also sein Todestag zum einhundertsten Mal. Kein Geringerer als Monty Jacobs widmete ihm ein Ernst Schur Gedächtnisbuch, das 1913 erschien.

Schur gehörte zur Schar jener, die Heinrich von Kleists 100. Todestags 1911 mit Büchern und in Presseartikeln ehrend gedachten. Zur Kleist-Forschung hat Schur nichts beigetragen; er verstand sich als Popularisierer des einhundert Jahre vor ihm wirkenden ungleich größeren Dichters, den er, zu Beginn des letzten Säkulums, gleichwohl als Zeit- und Seelengenossen begrüßte: »In ihm lebte schon der Geist und die Seele unseres Jahrhunderts«, äußerte Schur in seinem 1912 bei Hans Bondy in Berlin erschienenen Kleist=Brevier. Bereits 1911 hatte er ausgewählte Briefe Kleists herausgebracht, die er Heinrich von Kleist in seinen Briefen. Eine Charakteristik seines Lebens und Schaffens nannte. Mit dieser Selektion verband er den eher zweifelhaften Anspruch, allein in einer Auswahl der Briefe Kleists ließe sich deren »sprachliche Schönheit«, ließen sich ihre »seelischen Tiefen und Offenbarungen« sichtbar machen.

In mehreren Artikeln – die meisten davon erschienen im November 1911 in Zeitungen und Zeitschriften – schrieb Schur … Worte zum Guiskard (Blätter des Deutschen Theaters Berlin 8/1911), erwog Kleists Entwicklung in seinen Dramen (Die Deutsche Bühne, Berlin, 10.11.1911), berichtete über Kleist-Ausgaben (Die Lese, München, 18.11.1911), beleuchtete Kleist und die deutsche Sprache (Karlsruher Zeitung, 19.11.1911), ließ sich gar auf Die Tragik in Kleist ein (Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen, 21.11.1911). In der ›Lese‹ verglich er diesen mit Nietzsche, beide wiesen »in die Zukunft«. Kleists »Zukunftsbedeutung« bestand für Schur darin, daß er der erste große »Nichts-als-Künstler« gewesen sei, »den Nietzsche ersehnte«. Und in einem Prolog genannten Kleistpoem, das auf der Kleistfeier der Neuen Freien Volksbühne 1911 vorgetragen wurde, dichtete Schur: »In Rätseln offenbarte sich sein Wesen, / Uns blieb sein Werk, ihn tiefer zu erkennen.« Leben und Werk lagen für Schur dicht beieinander, eins ließe sich durch das andere erhellen. Vor allem aber galt ihm: »Hundert Jahre kam [Kleist] zu früh. Erst wir können anfangen, ihn zu verstehen. Er steht an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts.«

Ernst Schur war ein begeisterter Fürsprecher Kleists. Er wollte ihn ins 20. Jahrhundert heimholen. Insofern war er ein typischer 1911er. Seine Sprache ist oft hochgestochen, pathetisch, sein Wille zur Vermittlung stets echt und nachvollziehbar. Was er für Kleist bewirkt haben mag, wer will es wägen? Eingesetzt hat er sich für ihn. Ich möchte es ihm danken.

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