Vertraulich

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Minde-Pouet hatte anscheinend einmal gewagt nachzufragen. Bei einer offiziellen Stelle des NS-Staates. Jedenfalls beschied ihn die »Landesstelle Westfalen-Nord des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda« aus Münster/Westf. mit Datum vom 22. Juli 1937, man brauche »die Unterlagen der Kleist-Gesellschaft zu Studienzwecken für die neu zu gründende Grabbe-Ges[ellschaft]«. Ehe »nochmals freundlichst um baldige Übersendung der Unterlagen« gebeten wird, macht man den vorlauten Vorsitzenden noch darauf aufmerksam, daß »die Angelegenheit auf Anordnung des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda vertraulich behandelt werden muss.«
Grabbe als »ein würdiger Punk, ein mit Mitte dreißig verstummter Aufrührer« – und die oberste deutsche Lügenbehörde wachte höchstselbst darüber, daß dieser unglückliche andere Herrmanns-Schlächter künftig nach dem Muster der Kleist-Gesellschaft honoratiorenideologisch auf Parteilinie gebracht würde? Hier wäre doch eine Kleine Anfrage an die Vorgeschichte der Grabbe-Gesellschaft von Interesse. Und welche »Unterlagen« Minde-Pouet schließlich übersandt haben mag? 1937, als die Kleist-Gesellschaft sich mit Hilfe der Stadt Frankfurt/O. finanziell zu sanieren versuchte, praktizierte sie satzungsmäßig längst den Ausschluß von Mitgliedern, die als ›Juden‹ oder ›Freimaurer‹ galten. Andererseits brauchte sie noch einige Jahre bis zur endgültigen Selbstgleichschaltung im »Reichswerk Buch und Volk« 1941. Die Gründer der Grabbe-Gesellschaft werden also allenfalls Dokumente einer kontinuierlichen politischen Anpassung haben ›studieren‹ können.
(Quelle: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder])

Grabbe, »ein würdiger Punk« – endlich hat’s jemand getroffen, und zwar kein Geringerer als Thomas Kling (Sid Vicious der Restauration. Christian Dietrich Grabbe, in: Schreibheft 76 [2011], S. 84-90; hier: 84).

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