Verzwickter Wahrheitsanspruch

Im jüngsten Buch von Uwe Timm, einer Sammlung von Essays unter dem Titel Montaignes Turm (Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015), ist der Vortrag Lob der deutschen Sprache abgedruckt, den Timm im Jahr 2009 zur Eröffnung der XIV. Internationalen Deutschlehrertagung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehalten hat. Für Kleistianesen interessant vor allem die Passagen über die Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege, u.a.:
»Kleist spielt in dieser Anekdote mit dem verzwickten Wahrheitsanspruch der literarischen Fiktion. Eine Geschichte, die ein exemplarisches Verhalten schildert, Mut und Entschlossenheit, so als wären mit diesen militärischen Tugenden die Niederlage, die Schmach, die Demütigung vermeidbar, sogar der Sieg über eine dreifache Übermacht möglich gewesen. Der Prosatext stellt heraus, und zwar gleich im ersten Satz, was die deutsche Sprache gegenüber der französischen Sprache hervorhebt, eine Suprematie der Syntax, die Kleist, der das Französische gut beherrschte, ausbreitet, die Hypotaxe, eine zeitliche Verschachtelung, die komplizierten Konjunktivkonstruktionen, die in sich dieses utopische Moment einer anderen Wirklichkeit tragen, mit jener Beweglichkeit und jenem Melos, die beim lauten Lesen hörbar werden.«
Der Vortragstext in voller Länge hier: http://www.kiwi-verlag.de/blog/2015/03/13/uwe-timm-lob-der-deutschen-sprache/ (Dank an R.B. aus S.G.!)

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