Vive la France!

Während die Gelehrten noch immer um Kleists Geburtstag, 10. oder 18. Oktober, streiten, hat es mit der Kenntnis seines tatsächlichen Geburtsjahrs ein ganz eigenes Bewenden; vid. Felix Bamberg im Kleist-Artikel der guten alten ADB: »Kleist: Bernd Heinrich Wilhelm v. K. wurde zu Frankfurt a. O. geboren, nicht am 10. October 1776, wie man bis zu seiner irrthümlich am 10. October 1876 begangenen Säcularfeier, gestützt auf Tieck’s Vorrede zu Kleist’s Werken (1826) annahm, sondern nach dem von K. Siegen aus dem Frankfurter Garnisonskirchenbuch veröffentlichten Taufschein, am 18. October 1777.« (Allgemeine Deutsche Biographie 16 [1882], S. 127-150).
Anders outre-Rhin (von Stimming’s Inn aus betrachtet). Dort war man schon fünf Dezennien vor den besagten Feierlichkeiten über das Jahr von Heinrichs Eintritt in die Welt zuverlässig informiert: »Er wurde den 10ten Oktober 1777 zu Frankfurt an der Oder geboren […].« (Ehrenfried Stoeber: Kurze Geschichte und Charakteristik der schönen Literatur der Deutschen. Paris und Straßburg: Levrault, 1826, S. 387) – freilich, diesseits des Rheins wie auch am Oderstrand hätte sich das Datum schon bei Haymann (Dresdens theils neuerlich verstorbne theils ietzt lebende Schriftsteller und Künstler wissenschaftlich classificirt nebst einem dreyfachen Register. Dresden: Walther, 1809, S. 459) oder im fünften Band (I–L) des Brockhaus (6. Aufl. 1824, S. 392) finden lassen – oder ebenso bspw. in der Wiener Wochenschrift Literarischer Anzeiger (Jg. 3, 1821, Nr. 43, Sp. 351) oder in Philipp Mayers Theorie und Literatur der deutschen Dichtungsarten. Ein Handbuch zur Bildung des Stils und des Geschmackes. Nach den besten Hilfsquellen bearbeitet (Bd. 3. Wien: Gerold, 1824, S. 302) oder … (Dank an R. P.!). Sicher ist nur, daß Stoeber sich nicht bei Tieck bedient hat, den er persönlich kannte.

[Björn von Einem (Berlin) danken wir herzlich für die folgende Ergänzung:]
Nicht zu vergessen, daß Haymann die seinerzeit in Dresden lebenden Autoren – darunter auch die Phöbus-Mitarbeiter Müller, Rühle und Wetzel – selbst aufgesucht hatte, das Datum demnach von Kleist autorisiert war. Der älteste mir bekannte Lexikoneintrag nach Kleists Tod findet sich übrigens in den »Zusätzen, Verbesserungen und Nachträgen« zu den Fortsetzungen und Ergänzungen zu Christian Gottlieb Jöchers allgemeinem Gelehrten-Lexicon. Angefangen von Johann Christoph Adelung und vom Buchstaben K fortgesetzt von Heinrich Wilhelm Rotermund. Bd. 4. Bremen: Heyse, 1813, S. XXVIII. Daß man nicht nur outre-Rhin, sondern auch on the other side of the Channel in Sachen Geburtstag besser informiert war als der gemeine deutsche Philologe des Jahres 1876 (der sich offenbar weder an einen der bereits Genannten noch an Meusel 1821, Raßmann 1826, Zedlitz 1827, Wolff 1835, Wigand 1838 und 1848 oder … halten wollte), zeigt der Kleist-Artikel in The Literature of Germany, from its earliest period to the present time, historically developed. By Franz L. J. Thimm. Edited by William Henry Farn. London: Nutt, und Berlin: A. Asher, 1844, S. 206: »Was born at the town of Frankfort on the Oder, on the 10th of October 1777.« Siehe auch die ›Second Edition‹, London (Franz Thimm) 1866, 201.

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