Vom Anbellen des falschen Busches

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Einen Zweihundertjährigen haben wir jetzt gerade verpaßt, aber seien wir großzügig. Ist sich doch auch Alexander von Villers (1812-1880), kaum daß er als Pensionär in die lange herbeigesehnte Freiheit seines »Wiesenhauses« in Neulengbach bei Wien übersiedelt war, bei Kleist botanisch nicht so ganz sicher, wenn er seinen »kleinen Garten« beschreibt,
»der schon verwilderte, bevor er ein Garten war, wo ich im Schatten meines Ahorn sitze […]: meine Linde und mein Nußbaum […], das ist mein ganzer Wald – gemeiner Flieder – Spezies: Kaethchen von Heilbronn – ueberragt Urwaelder von Brennesseln […].«

Also Pingeligkeit hätte der ehemalige Legationsrat in der sächsischen Gesandtschaft zu Wien zuallerletzt verdient, dieser charmante Aussteiger des 19. Jahrhunderts, der sich in seinen Briefen mit Kant und Schopenhauer auseinandersetzt und als Literatur- und Musikliebhaber auf eigenwillige Weise auch selbst produktiv wird: Ein großer Wortspieler und Stilist, ein genauer Naturbeobachter. Da kann einem schon mal der falsche literarische Strauch unterkommen, während man sich an einem echten freut.
(Quelle: Brief an Alexander Freiherr von Warsberg, 17.5.1872, in: Briefe eines Unbekannten. Aus dessen Nachlaß neu hrsg. v. Karl Graf Lanckoronski u. Wilhelm Weigand. Leipzig: Insel 1910. Bd. 2, S. 123)

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