Von Fehrbellin an die Lys

** Von Martin Maurach, Opava **
Also, man mag das ja verstehen, daß Ernst Jünger irgendwie eine Brücke finden mußte bei der Bearbeitung seiner Kriegserinnerungen an das Dorf Fresnoy (Département Pas de Calais) vom April 1917. Da leitet er dort eine Meldestelle, die zerschossen wird, bevor sie ihren Zweck erfüllen kann, birgt aus einem Keller furchtbar entstellte Tote (»quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib«), verbringt Tage in quälender Enge in einem »Sanitätsstollen« und wird dann abgelöst, um »seelenvergnügt« »über den Feldweg nach Beaumont« zu ›schlendern‹: »Die Augen genossen wieder die Schönheit der Erde, froh, der unerträglichen Enge des Stollenlochs entronnen zu sein, und die Lunge berauschte sich an der milden Frühlingsluft. Den Kanonendonner im Rücken, durften wir sagen:
Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,
Gemacht zu süßerm Ding als sich zu schlagen.«
In offensichtlich bester Laune wirft Leutnant Jünger noch einige Feldwebel »die Treppe hinunter«, um sich sein Quartier zu sichern, und zieht zum Kapitelende Bilanz: »In diesen Männern [die trinkend der Gefallenen gedenken] war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, die sachliche Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Im Laufe von vier Jahren schmolz das Feuer ein immer reineres, ein immer kühneres Kriegertum heraus.«
Ein Tagebuch muß nun einmal Unzusammenhängendes verknüpfen, also wohl auch mit Hilfe der Worte des alten Kottwitz aus Prinz Friedrich von Homburg (II,1) jene Mischung aus Grauen und Rüpelszenen ›vergeistigen‹. Allerdings werden jene im Original vor Beginn der Schlacht gesprochen – und nicht auf dem Weg in die Etappe nach der Ablösung. Weder Kottwitz noch der Prinz haben im Original bereits »den Kanonendonner im Rücken«.
(Quelle: Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Stuttgart 2014 [zuerst 1920], S. 140-145)

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