Von Kleist?

Der César für die beste Hauptdarstellerin ging in diesem Jahr an Emmanuelle Riva für ihre Rolle in Michael Hanekes Spielfilm Liebe. Bei der Preisverleihung habe sie nach übereinstimmenden Presseberichten Kleist zitiert: »Robe rouge vif, cheveux en pétard, l’actrice de 86 ans est visiblement émue devant les longs applaudissements de la salle, qui se lève pour elle. ›J’ai beaucoup de chance à cette heure-ci de ma vie de rencontrer une telle merveille‹, confie-t-elle. ›C’est pour moi une grande émotion, c’est la première fois que je suis reçue chez monsieur César‹, dit-elle avec humour, avant de citer un poème de Kleist. ›Ami, ne néglige pas de vivre car elles fuient les années et le sud de la vie ne nous embrasera pas autant‹.« http://www.lepoint.fr/cinema/les-38e-cesars-c-est-ce-soir-22-02-2013-1631262_35.php

DIE Welt: »›Freund, versäume nicht zu leben‹, zitierte sie Kleist, ›denn die Jahre fliehn. Und es wird der Saft der Reben uns nicht länger glühen.‹« http://www.welt.de/kultur/kino/article113862814/Wer-den-Frieden-stoert-wird-beim-Cesar-verlacht.html

Wer kennt die Stelle? http://www.guichetdusavoir.org/viewtopic.php?t=50723&classement=recentes

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4 Kommentare zu Von Kleist?

  1. … und dies sonntags morgens um 5:53 Uhr!
    Gegooglt ergibt sich:
    „Freund! Versäume nicht zu leben, /
    Den [?] die Jahre fliehen, /
    Und es wird der Saft der Reben /
    Uns nicht lange glühen./
    Frankenwein, der Sorgenbrecher, /
    Schafft gesundes Blut: /
    Trink aus dem bekränzten Becher /
    Glück und frohen Mut.“
    zitiert die Seite Weindiplom Würzburg einen gewissen Johann Christian Fischer, der vielleicht dieser sein könnte, mit der Jahreszahl 1792.
    Zu finden sein dürfte dies grandiose Gedicht vermutlich auch auf Schlüsselbrettchen und ähnlichem, was man von einem Kurzurlaub so mitbringt und womit man die Küche verschönt.
    Ach ja, von Theodor Heuss noch dies: Wer Wein trinkt – betet; wer Wein säuft – sündigt!

  2. Es war, wieder mal, der andere Kleist, Ewald Christian von. Die Verse stammen aus seiner Dithyrambe, Str. 1 : „Freund! versäume nicht zu leben: / Denn die Jahre fliehn, / Und es wird der Saft der Reben / Uns nicht lange glühn“.

  3. Arno Pielenz sagt:

    Ähnlich auch Christian Wilhelm Kindlebn (1748-1785):
    „Lustig sind wir, weil das Leben
    uns so bald entflieht,
    weil der süße Saft der Reben
    uns nicht immer glüht.“
    Recht haben sie alle drei (richtig ist natürlich E. v. Kleist).

  4. Björn von Einem sagt:

    Emmanuelle Riva zitierte die erste Strophe von Kleists »Dithyrambe« (1757) – in Wilhelm Körtes Ausgabe Berlin (Unger) 1803, 2. Band, 48: »Freund! versäume nicht zu leben: / Denn die Jahre fliehn, / Und es wird der Saft der Reben / Uns nicht lange glühn!«

    Mutmaßlich hat Mme. Riva nicht etwa Kleist mit Kleist verwechselt – das läßt sich eher für den WELT-Reporter vermuten, der zudem anders als Kleist – ed. Ramler 1760, Bd. 1, 43 oder Körte 1803, gleichviel – das Adjektiv im vierten Vers dekliniert, was mit Blick auf den stoischen Grundton nicht ganz belanglos ist – sondern schlicht an Ewald v. Kleist gedacht: »hold wie ein Dichtername« klang »Kleist« ja durch Michael Hubers Vermittlung auch in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts.

    Die in Frage stehende Strophe wird etwa von Turgot (1727-1782) in seinen »Éclarcissemens sur la Versification Allemande …« (Œuvres, Tome neuvième, Paris 1810, 191) als Beispiel für den »vers trochaïque« angeführt und dort auch (anders) übersetzt. Ob diese Übersetzung von Turgot selbst – der von Huber viel gelernt hatte – oder von Michael Huber stammt, weiß ich nicht; dazu wäre in den Kleist-Übersetzungen des Letzteren nachzusehen; Turgots »Éclarcissemens« waren als Vorwort zu Hubers gemeinsam mit Diderot unternommenen Übertragung von Gessners »Idyllen« geplant. Worin auch jener Text, der jenen Kleist, den Mme. Riva nicht zitierte, nicht nur mit Blick auf seine poetische Verfahrensweise im »Zerbrochnen Krug« entschieden mehr angeregt haben dürfte hat als einer alten Legende nach der notorische Kupferstich an einer Berner Zimmerwand.

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