Von Mäusen und Apfelkernen

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
1714 erschien bei Gottfried Rothen in Leipzig unter dem Titel Museum Wolfianum ein Katalog des Naturalien- und Kunstkabinetts von Christian Wolff, »weyland Philos. & Medicinae Doctor, und berühmter Practicus allhier«, der in der Abteilung Artefacta als Nr. 64 folgende winzige Winzigkeit anführt: »Drey kleine Mäuse aus Apffel-Kernen gemacht« (S. 86).
Solche Miniaturschnitzereien scheinen Anfang des 18. Jahrhunderts beliebt gewesen zu sein, auch die Neuangeordnete vollst[ändige] Haus und Landbibliotec von Andreas Glorez (Nürnberg 1719) enthält auf Tafel 1 (»Obst uff aller hand art zierlich zu zerschneiden und vorzulegen«) zwei Zeichnungen von Mäusen »aus einem Apffel-Kern« (Nr. 11 und Nr. 12).
Ob Kleist selbst je »Mäuse, die man aus Apfelkernen schneidet«, zu Gesicht gekriegt hat (Brief an die Schwester Ulrike, 13./14. März 1803)? Wahrscheinlicher dürfte der Bezug auf Wielands Roman Der goldne Spiegel sein, in dessen Einleitung es über den fiktiven indostanischen Sultan Schach-Dolka heißt: »[…] in der Kunst Mäuse aus Apfelkernen zu schneiden hat die Welt bis auf den heutigen Tag seines gleichen nicht gesehen. Durch einen unermüdeten Fleiß bracht’ er es in dieser schönen Kunst so hoch, daß er alle Arten von Mäusen, als Hausmäuse, Feldmäuse, Waldmäuse, Haselmäuse, Spitzmäuse, Wassermäuse und Fledermäuse, auch Ratten, Maulwürfe und Murmelthiere, mit ihren gehörigen Unterscheidungszeichen, in der äußersten Vollkommenheit verfertigte […].« (Sämmtliche Werke, Sechster Band, Leipzig: Göschen 1795, S. 7f.)!

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