Weimar im Winter 1810/11

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
Die Zusammenstellung Kleist in der zeitgenössischen Presse in Ausgabe 24 der Heilbronner Kleist-Blätter (2012, S. 20-40) kann hier um ein interessantes Fundstück ergänzt werden.
Am 2. Februar 1811 brachte die Leipziger Zeitung für die elegante Welt (Nr. 24) einen Beitrag von Stephan Schütze (1771-1839), einem Journalisten und Schriftsteller aus dem Umkreis Goethes, mit dem unscheinbaren Titel Schreiben aus Weimar. / den 24. Januar 1811. (Sp. 185-188). Darin stand u.a. zu lesen: »Die Gebildeten der Stadt kennen keine andere Unterhaltung, als Literatur und Kunst. […] Am meisten […] gewinnt die poetische Lektüre die Aufmerksamkeit der Leser. Jedes Buch von Werth ist im Stande, die ganze Stadt schnell in ein lebhaftes Interesse zu versetzen. Die Wahlverwandtschaften wurden gleich nach ihrer Ankunft fast in einem und demselben Abend in allen Häusern gelesen. Andere Schriften wandern fleißig. Das Lied der Nibelungen, das Buch der Liebe, Volkspoesien – alle hatten ihre Tagesordnung. Auf die Markgräfin von Baireuth [Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königl. Preußischen Prinzessinn Friederike Sophie Wilhelmine (Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfinn von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733. Von ihr selbst in französischer Sprache geschrieben. 2 Bde. Tübingen: Cotta 1810-11] folgt jetzt das Käthchen von Heilbron [sic] und die Erzählungen von Kleist, die nach allen Richtungen die Stadt durchkreuzen. Welch ein Vergnügen für die Schriftsteller, durch ihre Gedanken schnell alle Geister zu elektrisiren, und aller Aufmerksamkeit auf sich zu lenken! Und nirgends genießt und empfindet man so unbefangen, so natürlich, so vielseitig, als in Weimar […].« (Sp. 188).

Wenige Monate nach seinem Erscheinen im September 1810 wurde das Käthchen von Heilbronn also keineswegs nur von »den Eingeweihten« zur Kenntnis genommen (Uebersicht der deutschen Literatur nach der Michaelismesse, in: Allgemeine Zeitung [München] Nro. 14 vom 14. Januar 1811, S. 53). Wie Ernst Wilhelm Weber 1865 in seiner Geschichte des Weimarischen Theaters überliefert, »entzückte« Kleists Schauspiel »in Weimar viele« – und »viele [wünschten] es auf der Bühne zu sehen«.
Daß es dazu nicht kam, lag bekanntlich an Goethes massiven Vorbehalten gegen Kleist, in dem er Otto Friedrich Gruppe (1804-1876) zufolge »eine gründliche Hypochondrie, eine Lust an der Qual« erkannt haben wollte (Ariadne. Die tragische Kunst der Griechen in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange mit der Volkspoesie. Berlin: Reimer 1834, S. 29f.). Auch wenn sie im Winter 1810/11 »halb Weimar verlangt« zu haben scheint – eine erneute Kleist-Aufführung war mit Goethe nicht zu machen.

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