Wer und wann war’s?

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
Daß der letzte Besuch Heinrich von Kleists in Frankfurt (Oder) bei seiner Familie ein niederschmetterndes Erlebnis war und seinen Entschluß zum Selbstmord zumindest gefestigt hat, steht außer Frage. Aber wann fand er statt, und wer waren die beiden Schwestern, zwischen denen er saß und sich als nichtsnutziges Mitglied der Gesellschaft beschimpfen lassen mußte? Eine war Ulrike, wer war die andere? Die meisten Biographen ducken sich weg und sprechen von »Schwestern« oder »Familie«. Aber es werden auch Namen genannt – und zwar alle seine Schwestern. Am häufigsten Auguste, aber was sollte sie nach Frankfurt getrieben haben? Allerdings war sie durch ihren Mann eindeutig gegen Heinrich gestimmt worden, das Urteil könnte so von ihm vorformuliert worden sein. Friederike war hochschwanger und hat wohl kaum die beschwerliche Reise in ihre Heimatstadt unternommen. Die geschiedene Wilhelmine hingegen hätte durchaus Geborgenheit im Schoße ihrer Familie gesucht haben können. Und warum nicht das Nesthäkchen Juliane?
Und auch die Zeitangaben reichen von September bis Oktober.
Die folgende, alles andere als vollständige Liste ergibt ein verwirrendes Bild. Nachgeschlagen wurde in (die Aufnahme einiger belletristischer Titel rechtfertigt sich durch die biographischen Kenntnisse und Recherchen der Autoren):

• Bab, Julius: Kleist in seinen Briefen. In: Kleist: Werke. Berlin: Volksbühnen- Verlags- und Vertriebs-G.m.b.H. 1927. S. XXVIIIf.
• Barthel, Wolfgang (Bearb.): Heinrich von Kleist 177-1811. Chronik seines Lebens und Schaffens. Frankfurt (Oder): KFG 2001. S. 99.
• Birkenhauer, Klaus: Kleist. Tübingen: Wunderlich 1977. S. 257.
• Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin: Rowohlt 2007. S. 461.
• Braig, Friedrich: Heinrich von Kleist. München 1925. S. 570f.
• Blamberger, Günter: Heinrich von Kleist. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011. S. 412.
• Blöcker, Günter: Heinrich von Kleist oder Das absolute Ich. Berlin: Argon 1960. S. 106 und307.
• Brahm, Otto: Das Leben Heinrich von Kleists. Berlin: Fleischel 1911. 4. Aufl. S. 420f.
• Carpi, Anna Maria: Kleist. Einleben. Berlin: Insel 2011. S. 433-437.
• Eloesser, Arthur: Heinrich v. Kleist. Eine Studie. Berlin: Bard, Marquardt & Co. [1905]. S. 61.
• Elsner, Richard: Ringender Dämon. Berlin: West-Ost-Verl. 1937. 2.-3. Aufl. S. S. 345-354.
• Federn, Karl: Das Leben Heinrich von Kleists. Berlin: Brückenverl. 1929. S. 328.
• Fischer, Peter: Heinrich von Kleist. Berlin: Stapp1982. S. 166f.
• Franck, Hans: Kleist. Ein vaterländisches Spiel. Berlin: Volkschaft-Verl. 1933. S. 64-76.
• Goldammer, Peter: Heinrich von Kleist. Leipzig: Bibliographisches Institut 1980. S. 78f.
• Günzel, Klaus: Kleist. Ein Lebensbild in Briefen und zeitgenössischen Berichten. Berlin: Verl. D. Nation 1984. S. 373.
• Haupt, Gunther: Der Empörer. Berlin: Haude & Spenersche Buchhandlung Max Paschke 1938. S. 270.
• Kraft, Herbert: Kleist. Leben und Werk. Münster: Aschendorff 2007. S. 206.
• Kreutzer, Hans Joachim: Heinrich von Kleist. München: Beck 2011. S. 121.
• Heiseler, Bernt von: Kleist. Stuttgart: Cotta Nachf. 1939. S. 91.
• Herzog, Wilhelm: Heinrich von Kleist. München: Beck 1914. S. 620-622.
• Horn, Peter: Kleist-Chronik. Königstein/Ts.: Athenäum 1980. S. 114.
• Kiesgen, Laurenz: Heinrich von Kleist. Leipzig: Reclam 1920. 2. Aufl. S. 115.
• Kürenberg, Joachim von: Heinrich von Kleist. Ein Versuch. Hamburg: Mölich1948. S. 236.
• Loch, Rudolf: Kleist. Eine Biographie. Göttingen: Wallstein 2003. S. 409 und 501 (Fn.: Verweis auf Müller-Salget SWB 4)
• Loretz, Johann-Georg: Der arme Heinrich. Kleist. Dornach: Odilia 1997. S. 196f.
• Maass; Joachim: Kleist. Die Geschichte seines Lebens. München / Zürich: Droemer Knaur 1980. S. 236.
• Markwardt, Bruno: Einleitung zu: Kleists Werke in drei Bänden. Leipzig: Reclam o. J. [1927], Bd 1, S. 77f.
• Meerheimb, Henriette von: Die Toten siegen. Berlin u. a.: Westermann 1917. S. 520-528.
• Michaelis, Rolf: Heinrich von Kleist. Velber: Friedrich 1974. 3., durchges. u. erw. Aufl. S. 12
• Michalzik, Peter: Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher. Berlin: Propyläen 2011. S. 454f.
• Molo, Walter von: Geschichte einer Seele. Berlin: Holle & Co. 1938. S. 622f.
• Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Reclam 2002. S. 118.
• Ohff, Heinz: Heinrich von Kleist. München, Zürich: Piper 2004. S. 192
• Rahmer, S.: Das Kleist-Problem […]. Berlin: Reimer 1903. S. 160.
• Rahmer, S.: Heinrich von Kleist als Mensch und Dichter. Berlin: Reimer 1909. (S. 394 – Fn.)
• Schmelzer, Hans-Jürgen: Heinrich von Kleist. Deutschlands unglücklichster Dichter. Stuttgart, Leipzig: Hohenheim 2011. S. 243.
• Schmidt, Erich: Biographische Einleitung. In: H. v. Kleists Werke. Im Verein mit Georg Minde-Pouet und Reinhold Steig hg. von Erich Schmidt. 4 Bde. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut o. J. [1904-1906]. Bd I, S. 43*.
• Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München: Beck 2007. S. 515.
• Staengle, Peter: Heinrich von Kleist. München: dtv 1998. S. 146.
• Staengle, Peter: Kleist. Sein Leben. Heilbronn: KLAS 2011. 5., akt. Aufl. S. 176 u. 231.
• Steig, Reinhold: Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe. Berlin und Stuttgart: Spemann 1901. S. 656.
• Steig, Reinhold: Neue Kunde zu Heinrich von Kleist. Berlin: Reimer 1902. S. 31f.
• Strauß, Max Otto: Ein Stern erlischt. Hannover: Sponholtz 1938. S. 350-355.
• Streller, Siegfried: Einleitung. In: Kleist, Heinrich von: Werke und Briefe. Berlin und Weimar: Aufbau 1978. Bd I, S. 94.
• Wentscher, Dora: Heinrich von Kleist. Weimar: Volksverlag 1956. S. 217-220.
• Wichmann, Thomas: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Metzler 1988. S. 226.
• Wilbrandt, Adolf: Heinrich von Kleist. Nördlingen: Beck 1863. S. 402.
• Wolff, Hans M.: Heinrich von Kleist. Die Geschichte seines Schaffens. Bern: Francke 1954.
• Zenz, Reinhold: Heinrich von Kleist. In: Schicksalstage deutscher Dichter. Hg. v. Rudolf Krauß. München: Beck 1922. S. 107-132.
• Zimmermann, Hans Dieter: Heinrich von Kleist. Hamburg: Rowohlt 1991. S. 317 und 368.
• Zolling, Theophil: Einleitung. In: Heinrich von Kleists sämtliche Werke. 4 Bde. Stuttgart: Union Deutsche Verl.-ges. 1890. Bd I, S. XC (Fn.)

Bab Herbst Ulrike, Familie
Barthel Ende Oktober Ulrike, Auguste
Birkenhauer 18. September Schwestern
Bisky Schwestern
Blamberger
Blöcker Familie
Brahm Ulrike, Schwester
Braig Ulrike, Schwester
Carpi Ende Oktober Ulrike, Auguste
Eloesser plötzlich Verwandte
Elsner Ulrike, Wilhelmine
Federn Anfang Oktober Ulrike, Auguste
Fischer September Ulrike, Wilhelmine
Franck Auguste, Friederike[1]
Goldammer September
Günzel 18. September Geschwister
Haupt Ulrike, Geschwister
Heiseler Ulrike, Schwester
Herzog Oktober Ulrike, Verwandte
Horn 18. September Ulrike, Schwester
Kiesgen unvermutet Ulrike
Kraft Ende Oktober Ulrike, wahrscheinlich Auguste
Kreutzer Ende Oktober Ulrike, eine weitere Schwester
Kürenberg Oktober Ulrike, Schwester
Loch September und Oktober Ulrike, Auguste; Schwestern
Loretz 18. Sept. Schwestern
Maass Ulrike, Auguste
Markwardt Oktober Ulrike, Familie
Meerheimb Herbst Ulrike, Wilhelmine
Meyer-Benfey Oktober Ulrike, Schwester[2]
Michaelis Ende September Ulrike, Schwester
Michalzik Ende September Ulrike, eine andere Schwester
Molo Ulrike, Wilhelmine
Müller-Salget Oktober Ulrike, vermutlich Auguste
Ohff Ulrike, Frankfurter Familienangehörige
Rahmer Mensch Verwandte
Rahmer Problem Schwestern
Schmelzer Schwestern
Schmidt Oktober Ulrike
Schulz September Ulrike, Auguste
Staengle dtv Geschwister
Staengle KLAS Ende Oktober Geschwister
Steig Kämpfe bei den Seinigen
Steig Kunde Nach 19. Sept. »mehr in der letzten Zeit seines Lebens«
Strauß Sept. oder später Ulrike, Juliane
Streller Ulrike, Familie
Wentscher Spätherbst Ulrike, die andere Schwester, die ältere Schwester
Wichmann September Familie
Wilbrandt Ulrike
Wolff
Zenz 24. Oktober Ulrike, Wilhelmine
Zimmermann 18. September Ulrike, Schwester
Zolling wohl Gustchen v. Pannwitz u. Ulrike

Also wer war’s und wann war’s? Antworten bitte bei Stimmings hinterlegen.

Anmerkungen
[1] Ulrike hat nach dieser – allerdings dichterischen – Darstellung die Szene gleich nach Heinrichs Eintritt bestürzt verlassen.
[2] Meyer-Benfey erwähnt das Erschrecken Ulrikes beim ersten Anblick ihres Bruders. »Wahrscheinlich war sein Aussehen durch Mangel und Entbehrungen so entstellt. (Daß er tatsächlich gehungert hat, müssen wir aus einem Briefe Wilhelminens entnehmen, die es erst nach seinem Tode erfuhr.)« – Daraus ergibt sich, daß es sich bei der zweiten Schwester nicht um Wilhelmine gehandelt haben kann, sie hätte diese Tatsache dann schon bei diesem Treffen erfahren.

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