»Wirklich grosse Zeiten«

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Etwa von 1941 bis 1944 korrespondierte Minde-Pouet mit der bulgarischen Kleist-Forscherin und Übersetzerin Gora Iwanova. Diese bewarb sich seit Sommer 1942 um eine ›deutsche Dozentur‹ an der Sofioter Universität. Das Auswahlverfahren, offenbar auch ein Politikum, endete schließlich im Mai des folgenden Jahres in einem Patt. Iwanova stellt das als Intrige des einzigen germanistischen Ordinarius in Sofia hin. Mit Minde-Pouet ist sie sich einig über die Bedeutung ihrer Bewerbung für die ›deutsche Kulturpropaganda‹ in Bulgarien. Möglicherweise sah jener Ordinarius ja genau das anders.
Einen Gutteil der Korrespondenz füllen die Schwierigkeiten derselben. Jedenfalls spannten beide für ihre Sendungen hochrangige Kuriere ein: den bulgarischen Gesandten in Berlin, einen Professor Zagorov, Iwanovas Vetter, sowie einen Oberkriegsgerichtsrat Dr. Schlichting. Iwanovas auf Deutsch geschriebene Arbeit Der nationale Gedanke bei Heinrich von Kleist (Sofia 1942) wurde portionsweise in erster und zweiter ›Auflage‹ (1943) hin und her geschickt; Minde-Pouet erhielt dagegen zum Verbleib bzw. Verbrauch hauptsächlich Zigaretten, aber auch Seife (9.4.1942) und zu Weihnachten »Speck« und »ungebrannte Kaffeebohnen« (13.12. 1941). Es war schließlich Krieg, und etwa hundert bulgarische Zigaretten pro Woche stellte sich Minde-Pouet so vor, nicht ohne über die dann offenbar doch weniger umfangreichen Sendungen, die ihn per Feldpost erreichten, pedantisch Buch zu führen (18.5. bzw. 13.6.1943). Da wußte er übrigens schon, daß Iwanova die Stelle nicht bekommen hatte. Immerhin bot er ihr Bezahlung an, die aber erst bei einem Berlinbesuch im Sommer 1943 übergeben werden sollte.
Die Kleist-Studie, die Iwanova bei ihrer Bewerbung vorlegte, hielt Minde-Pouet für zu wenig originell, als daß sie auch in Deutschland hätte erscheinen können. Überhaupt hatte er sehr genaue Vorstellungen:
»Wilhelm Herzog sollten Sie überhaupt nicht zitieren, weil er Jude und Kommunist ist und wirklich nichts über Kleist gesagt hat, was Sie nicht auch bei anderen Biographen finden.« (7.9.1942)
Besuch und Geldübergabe scheiterten 1943, weil Iwanova keinen Urlaub bekam; wohl aber auch an der aufgewühlten Stimmung nach dem Tod König Boris’ III., die sie am 13. September 1943 eindrucksvoll schildert. Sie zieht das Fazit: »Geehrter Herr Professor, es sind wirklich grosse Zeiten, die wir erleben. Groß und furchtbar zugleich!«
(Quelle: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder])

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Ein Kommentar zu »Wirklich grosse Zeiten«

  1. Bleibt im Postscriptum zu berichten, daß ihre Arbeit im Kleist-Archiv Sembdner unter der Signatur 13949 vorhanden ist – ein heute fast unlesbares Werk, weil so bröselig, daß es bei der Lektüre vermutlich zerfällt. (Sic transit etc. pp.)

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