Wolfgang Barthel zum 75sten

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
»Ein Ossi und ein Wessi gehen bei Gewitter über offenes Feld. In einiger Entfernung schlägt ein Blitz ein; der Ossi sagt: ›Naa…‹. Kurz darauf der zweite Blitz, schon etwas näher. Der Ossi sagt wieder: ›Naa…‹. Der dritte Blitz erschlägt den Wessi. Darauf der Ossi: ›Na, geht doch‹.«
Als Neuling am Kleist-Museum, sehr geehrter, lieber Herr Barthel, hörte ich von Ihnen ziemlich zu Anfang diesen Witz, und wenn Sie mir Jahre später symbolisch einen »Ehren-Ossi« verliehen haben, für keine andere Leistung als dafür, jahrelang von Ihnen auf Kleist (und etliches Andere) neugierig gemacht zu werden und lernen zu dürfen, dann gibt mir das zwar keine Berechtigung, aber doch den Mut dazu, mich mit ein paar Erinnerungen anläßlich Ihres 75. Geburtstages zu revanchieren.
Daß die Hoffnung auf den Blitz allmählich in den Hintergrund trat, lag sicher zum guten Teil daran, daß Sie selbst dem Museum und vielen seiner Mitarbeiter/innen über das Jahr 2001 hinaus beratend und freundschaftlich die Treue hielten, und so ganz wesentlich zu deren innerer Motivation und zum Zusammenhalt des Hauses in jenen schwierigen Zeiten beigetragen haben.
Wie vieles andere wäre auch mein Projekt zur Rezeption Kleists in den Jahren des deutschen Faschismus nicht in dieser Form Wirklichkeit geworden, wenn es nicht von Ihrer unerschöpflichen Sachkenntnis hätte profitieren können, vor allem aber von etwas, was man einen Denkstil nennen könnte, wenn dieser Ausdruck nicht so ästhetisierend wirkte: eine unbestechliche Genauigkeit, die immer vom Konkreten her argumentiert, das ja zugleich nur mit theoretischem Anspruch erfaßbar ist.
Zu vielem, was dann über Sie nach und nach bis zu dem Wessi-Simplicius durchsickerte, fehlt mir noch eben die Kompetenz, um es auch nur ansatzweise angemessen zu würdigen: Ihre ganze Aufbauarbeit am Kleist-Museum, seiner Konzeption und seinen Sammlungen, gemeinsam mit Dr. Rudolf Loch und vielen anderen. Ihre Studien zu literarischen Ausstellungen, über Kleist sowieso, die Beiträge zur Kleist-Forschung, die Frankfurter Buntbücher, um nur diese beiden Reihen zu nennen, die weiteren Herausgaben und Übersetzungen, von denen wenigstens die Dissertation von Richard Samuel genannt werden muß, eine wichtige Wiedergutmachung an dem ins Exil vertriebenen Kleist-Forscher, ferner Ihre forschungsgeschichtlich und bibliographisch stets weiterführenden, hilfreichen Rezensionen. Ihre – hauptsächlich Ihre – im Jahre 2000 eröffnete Dauerausstellung im grundlegend sanierten Haus, mit der die Auszeichnung des Museums als ›eines der schönsten Literaturmuseen Deutschlands‹ wohl, das mindeste zu sagen, irgendwie zusammenhing, wobei außerdem Schönheit und Wahrheit einander fanden (diese idealistische Anleihe sei erlaubt).
Usw., usw., ich kehre aus dieser Zone meiner Inkompetenz lieber zurück zu dem, was ich aus meinen Ossi-Lehrjahren am Kleist-Museum von Ihnen vor allem mitgenommen habe: Daß jedes Museum nicht nur einen wissenschaftlichen, sondern insbesondere auch einen ethischen Anspruch haben muß. Nicht nur haben, sondern als Institution verkörpern. Mit ›qualifizierten Bildungsmöglichkeiten‹ für alle, nicht nur für die ökonomisch Privilegierten, wäre er noch viel zu schlicht umschrieben, so wie Sie ihn in Ihrem jahrzehntelangen Wirken für die ICOM entwickelt und fundiert haben. Daß Sie an diesem Anspruch gegen die Kommerz-und-Event-Konzeptionen heutiger Museen in Gesamtwestdeutschland festhielten und festhalten, ist ebenso selten wie beispielhaft. Er setzt unweigerlich eine solide Analyse der Besitzverhältnisse voraus. In der Sprache mag man hier uneins sein, in der Sache kann ich Ihnen auch darin nur Recht geben.
Zu lernen war schließlich auch, daß es nicht darauf ankommen dürfe, andere an die Wand zu forschen, oder gar das Museum – mit dem gelegentlich aus dieser Richtung wehenden Wind – zur taktischen Verfügungsmasse museumsfremder Interessen zu machen. Demgegenüber haben Sie immer die Tradition der Kleist-Forschung kritisch wachgehalten. Als Beispiel sei nur Ihre Ausgabe der Kleist-Schriften von Paul Hoffmann genannt.
Ich möchte Ihnen wünschen, daß Ihr Temperament noch lange so bleiben möge wie in unseren ersten Gesprächen über Kleist und den deutschen Faschismus, also zu lebhaft für die zwar designten, aber etwas spillrigen blauen Stühle in der damaligen Großen Oderstraße, einfach so lebendig und so wach. Nicht etwa bloß ›streitbar‹, welches Wort ja heute nur zu oft bloße Streitunlust, ja Streitfaulheit bemänteln soll, und von letzteren habe ich bei Ihnen zum Glück nie etwas gefunden. –
Age, after all, may be anything but a matter of years. Deshalb hoffen viele noch auf so vieles von Ihnen. Als Stichworte seien nur ›Kleist in der DDR‹ erwähnt sowie die Theorie von Literaturausstellungen, die der gesamtdeutsche Westen ja auch immer noch eher stiefmütterlich behandelt.
Lieber, sehr geehrter Herr Barthel, für Stimming’s Inn und persönlich gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zu Ihrem 75. Geburtstag und wünsche Ihrer Frau und Ihnen alles Gute für Ihre Gesundheit und noch viele produktive Jahre im Dienste Kleists, der deutschen Sprache, der American literature und überhaupt der Literatur in many languages of the world.

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Ein Kommentar zu Wolfgang Barthel zum 75sten

  1. Arno Pielenz sagt:

    Lieber Herr Barthel,
    ich schließe mich den herzlichen Wünschen für einen der wichtigsten und sorgfältigsten Arbeiter im Weinberg des Herrn von Kleist an. Wir hoffen noch auf so manchen guten Tropfen.
    Alles Gute Ihnen und den Ihren!

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