Zeitfigur der Nachträglichkeit

Ralf Blittkowsky schreibt in seiner Besprechung von Birgit R. Erdles Habil.-Schrift Literarische Epistemologie der Zeit. Lektüren zu Kant, Kleist, Heine und Kafka (Paderborn: Fink, 2012):
»Am Beispiel von Kleists ›Marquise von O‹ erforscht Erdle eine radikal andere Wissenslücke, die zunächst als Lücke in der Beschreibung eines Vorgangs und zugleich als Bewusstseinslücke der Protagonistin hervortritt. Jene Lücke durchtrennt die Zeit der Geschehnisse von der Zeit der Erzählung. Jedoch schon bald wird das Bewusstsein des Leibes der Marquise, die Schwangerschaft nämlich, als Erinnerung des Unerinnerbaren dienen. Mit dem Wunsch, die Ordnung wieder herzustellen, die auf der chaotischen, gewalttätigen Uneinholbarkeit des Krieges basieren muss, greift die Marquise zum Mittel der berühmten Zeitungsannonce auf der Suche nach dem Vater ihres Kindes. Somit stellt Kleist Verbindungen zwischen Zahlen, Worten und Bedeutungen wie ›Generationen‹ und ›Genealogien‹ her, die im Nachhinein zwar wieder ihre patriarchalische Ordnung (durch Heirat des Vergewaltigers) erfahren, dabei aber ihren Anfang unmissverständlich in Krieg, Gewalt und Menschenverachtung haben. Über ›das Moment des uneinholbaren Anfangs‹ entwirft Kleist als Erster ›eine inverse Logik der Abfolge, die als Zeitfigur der Nachträglichkeit‹ beschrieben werden kann.« http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21244

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