Zweimal zwei Luftschiffer

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
Auf wen könnten Kleist und Henriette Vogel angespielt haben, als sie sich am 20. November 1811 im Abschiedsbrief an Sophie Müller »halb wehmütig, halb ausgelassen«, mit »zwei fröhliche[n] Luftschiffer[n]« verglichen, die im Begriffe ständen, sich »über die Welt [zu] erheben« und »ihre große Entdeckungsreise an[zu]treten«? http://www.kleist.org/KleistDaten/index.php?title=Brief_1811-11-20

Das Stichwort »Entdeckungsreise« verweist möglicherweise auf Étienne-Gaspard Robertson (1764-1837). Der belgische Aeronaut und Physiker publizierte 1804 bei Johann Vincenz Degen in Wien eine kleine Schrift in deutscher (und in französischer) Sprache mit dem Titel Minerva. Ein zu Entdeckungen bestimmtes Luftschiff.
Die erste Ballonfahrt zusammen mit seiner Frau unternahm Robertson am 23. April 1811 von Wien aus, sie führte vom Prater bis nach Klosterneuburg. Unterwegs ließ man, wie in der Presse zu lesen war, gedruckte Gedichte »herabflattern«, Les Adieux de Madame Robertson und Abschied der Madame Robertson: »In leichter Luft, von leicht’rer Luft getragen | Will ich es kühn zum ersten Mal heut wagen, | Den Himmel in der Näh’ zu seh’n […].«
Von Ausgelassenheit jedoch keine Spur: Schon beim Start auf dem Feuerwerksplatz kam es zu einer Verzögerung, weil Robertsons Gattin sich zunächst von »einer Anwandlung sichtbarer Ängstlichkeit« erholen mußte (Augsburger Allgemeine Zeitung, Nr. 122 vom 2. Mai 1811, S. 487). Auch nach der glücklichen Landung war sie »unpäßlich«. 1814 starb sie im Alter von nur 34 Jahren.
Welche enthusiastischen Himmelfahrer könnten es also dann gewesen sein, die Kleist und Frau Vogel in ihrem Todesübermut im Sinn hatten?

Vor den Augen des preußischen Königspaars und einer riesigen Menge von Schaulustigen bestieg Jeanne Geneviève Garnerin (1775-1847) am 13. April 1803 in Berlin den »Luftwagen« ihres Mannes André-Jacques (1769-1823) mit einer »Unbefangenheit«, »als ob hier nur von einer gewöhnlichen Spazierfahrt die Rede sey« (Beylage zu No. 62 des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten vom 19. April 1803). Bekanntlich zeigte sich Kleist gerade an den aeronautischen Experimenten des Herrn Garnerin stark interessiert, der nicht bloß ein Flugpionier war, sondern ein Vorkämpfer »doppelgeschlechtlicher« Luftreisen (so Helmut Reinicke in seinem Buch Aufstieg & Revolution. Über die Beförderung irdischer Freiheitsneigungen durch Ballonfahrt und Luftschwimmkunst, Berlin: Transit 1988, S. 105).
Luftschiffer_Garnerin
Monsieur und Madame Garnerin. Kupferradierung von C. W. Haller von Hallerstein, Berlin 1803. Die Abbildung entstammt dem Katalog der ballonhistorischen Sammlung Oberst von Brug in der Bibliothek des Deutschen Museums, bearbeitet von Elske Neidhardt-Jensen und Ernst H. Breuninger, Nürnberg: Hans Carl 1985, S. 225 (Nr. 221).
Dank an Stephan Oettermann (damals Marburg, heute Gerolzhofen), der mir 1986 ein Exemplar des großformatigen Bandes schenkte und mich an seinem reichen Wissen über die Aeronautik teilhaben ließ.

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